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Hunger im Tank

Treibstoffversorgung wird zunehmend um den Preis des Hungers gesichert
Ausgabe: 2008/25, Hunger im Tank, Treifstoffversorgung, Hunger, Biomasse, Zuckerrohr, Wasserbedarf, Brasilien, ethische Fragen,
18.06.2008
- Susanne Eller
Die Produktion von Treibstoffen aus Biomasse wird zunehmend als einer der Gründe für den steigenden Hunger in der Welt gesehen. Besonders trifft dies auf die Treibstoff-Produktion aus Zuckerrohr zu. Auf einem Viertel der Flächen, an denen in Brasilien Treibstoff produziert wird, wurden vorher Lebensmittel angebaut. Auch der Wasserbedarf für diese Produktion ist enorm. In Brasilien kommt es bereits zu Protesten gegen diese Politik. Einziger Ausweg: Ein Umdenken im Verbrauch von Treibstoffen – auch in Europa.



Monokulturen führen zu Hunger in der Welt


Die Treibstoffgewinnung aus Nahrungsmitteln wird trotz enormer Nachteile forciert

Einer der Gründe für die steigenden Nahrungsmittelpreise und die Hungerkrise ist der weltweite Boom der Agrotreibstoffe. Thomas Bauer von der Landpastoralkommission der Kirchen in Brasilien (CPT) berichtet über die aktuelle Situation im Land.

In Brasilien, dem weltweit wichtigsten Agrarexportland, boomt der Zuckerrohr-Anbau zur Gewinnung des Agrotreibstoffes Ethanol. Doch er hat massive negative Auswirkungen auf die Bevölkerung, die Umwelt und die Wirtschaft. Die Landkonzentration ist enorm. Monokulturflächen breiten sich immer mehr aus. Durch riesige Zuckerrohrplantagen von Großgrundbesitzern werden Kleinbauern von ihrem Land verdrängt, und der Anbau von Lebensmitteln wie Bohnen, Reis oder Mais wird verringert. Trotzdem will die brasilianische Regierung bis 2012 die Zuckerrohrplantagen von 6,2 auf 9 Millionen Hektar vergrößern und die Destillieranlagen bis 2016 von 321 auf 530 fast verdoppeln. Brasilien strebt an, bestimmende Wirtschaftsmacht zu werden.

Zuckerrohrproblematik. In einer neu veröffentlichten Studie der Companhia Nacional de Abastecimento (CONAB) der brasilianischen Bundesregierung heißt es, „dass mindestens 27 Prozent der Expansion der Zuckerrohrplantagen im Jahr 07/08 auf Gebieten stattgefunden hat, wo vorher Mais, Bohnen und andere Grundnahrungsmittel angepflanzt wurden“, berichtet Thomas Bauer, Mitarbeiter der brasilianischen Landpastoralkommission der Kirchen (CPT). Dabei handle es sich um Flächen, deren Ausmaße kaum vorstellbar sind. „In Pernambuco, einem Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, hat z. B. eine asiatische Firma 165.000 Hektar Land gekauft. Sie möchte dort ausschließlich Zuckerrohr anbauen“, erzählt der gebürtige Vorarlberger, der seit 1996 in Brasilien lebt.

Hunger durch Monokulturen. Was die offiziellen Zahlen der letzten Ernte betrifft, so haben sich von 1990 bis 2007 die Anbauflächen (tausend Hektar) „von Bohnen um 12 Prozent und bei Reis um 25 Prozent verringert. Der Mais ist in etwa gleich geblieben, Soja ist um 110 Prozent gestiegen. Soja wird aber ausschließlich aus Brasilien exportiert“, so der CPT-Mitarbeiter. In diesem Zusammenhang sind auch die Ernteerträge zurückgegangen. Bei Bohnen, einem Grundnahrungsmittel in Brasilien, habe es von 1990 auf 2007 einen Ernterückgang von 25 Prozent gegeben. Ein hartes Los für die brasilianische Bevölkerung. „In Jacobina, einer Stadt im Bundesstaat Bahia, hat z. B. vor drei Monaten ein Kilo Bohnen 7,50 Real gekostet, das sind umgerechnet etwa 3 Euro, fast so viel wie ein Kilo Fleisch. Normalerweise kostet ein Kilo Bohnen ein bis zwei Reals. Die Ernteerträge von Soja haben sich um 80 Prozent erhöht. Reis und Mais sind fast gleich geblieben, wobei der Mais hauptsächlich der Weiterverarbeitung für Viehfutter zugute kommt. Die Agrarindustrie trägt also sehr wenig dazu bei, dass die brasilianischen Familien etwas zu essen haben.“ Dass ein großer Zusammenhang zwischen Monokulturen und Hunger besteht, davon war auch der brasilianische Soziologe Josué de Castro überzeugt. Es sei nicht möglich, ausreichend Grundnahrungsmittel zu produzieren, wenn riesige Flächen mit Zuckerrohr bepflanzt würden, so der Kämpfer gegen den Welthunger, der 1973 starb. Es sei hier auch ausdrücklich erwähnt, so Bauer, „dass wir nicht von Biotreibstoffen, sondern von Agrotreibstoffen sprechen, denn Bio heißt Leben und Monokulturen zerstören das Leben.“

Unterstützung. Die brasilianische Landpastoralkommission hat seit ihrer Gründung 1975 immer versucht, die Landarbeiter dabei zu unterstützen, dass sie ihre Rechte einfordern, autonom werden, sich organisieren und so an Stärke gewinnen und eine gute Zukunft planen können. „Wir haben im kleinen Bereich viele Erfolge. In den letzten 15 Jahren konnten mit Hilfe der CPT in den halbtrockenen Regionen im Nordosten Brasiliens 1500 Familien über die Agrarreform angesiedelt werden, die heute eine Lebensgrundlage haben. Wenn man sich aber die Expansion der Agrarindustrie anschaut, sind diese Erfolge kleine Inseln. Denn oft werden die Menschen von dieser Agrarindustrie für die Produktion von Rohstoffen vereinnahmt und sie stürzen sich so in eine neue Abhängigkeit.“

Sklavenarbeit. Die Situation auf den Zuckerrohrplantagen ist hart. „Die Arbeiter müssen zwischen 12 und 14 Tonnen Zuckerrohr pro Tag per Hand schneiden. Die Zeit, in der diese Arbeit gemacht werden kann, liegt bei 12 Jahren“, erzählt Bauer. Durch die schwere Belastung komme es immer wieder zu Todesfällen auf den Plantagen, weil die Arbeiter aus Erschöpfung zusammenbrechen. Die Leute arbeiten und leben zudem unter sklavenähnlichen Verhältnissen. „In der Diözese Juazeiro z. B. pflanzt das Agro-Großunternehmen Agrovale 40.000 Hektar Zuckerrohr an. Die Leute werden bewacht, bei der Arbeit, aber auch in ihren Unterkünften. Mit dem Wiederaufkommen der Sklavenarbeit in Brasilien ist 1997 auch die von der CPT gegründete Kampagne ,Mach die Augen auf, dass du nicht zum Sklaven wirst‘ ins Leben gerufen worden. In weiterer Folge hat das Arbeitsministerium eine mobile Gruppe formiert, die Anzeigen nachgeht. 2007 hat diese Gruppe 5974 Personen aus der Sklavenarbeit befreit. Mehr als die Hälfte davon haben auf Zuckerrohrplantagen für die Alkohol- bzw. Ethanolgewinnung gearbeitet.“

Wasser. Um die riesigen Monokulturflächen auch ausreichend bewässern zu können, ist Wasser nötig, das z. B. vom Sobradinhostausee in Bewässerungsanlagen geleitet wird. Auch das geplante und umstrittene Flussumleitungsprojekt Rio Sao Francisco soll zur Bewässerung der Plantagen dienen. Daraus ergeben sich weitere soziale, ökologische und wirtschaftliche Probleme für die Bevölkerung in dieser Region im Nordosten Brasiliens. „Das Wasser ist in diesem Gebiet kein Problem. Problematisch ist die Verteilung des Wassers. Es dient zu 70 Prozent den Bewässerungsanlagen der Großgrundbesitzungen in der Agrarindustrie, zu 26 Prozent den Städten und Fabriken und zu vier Prozent der ländlichen Bevölkerung. Man muss dazu sagen, wenn mittels Zuckerrohr Ethanol produziert wird, braucht man für einen Liter Ethanol 3600 Liter Wasser“, erklärt Bauer. Um das Flussumleitungsprojekt zu verhindern, setzte der Bischof von Barra, Dom Luiz Cappio, bereits zweimal mittels Hungerstreiks ein Zeichen des Widerstands. „Der Hungerstreik von Dom Luiz 2005 und im Dezember 2007 war eine mutige und prophetische Geste. Doch nun muss der Widerstand von der breiten Bevölkerung weitergetragen werden, um die Flussumleitung, deren Bau im Gange ist, zu verhindern. Es gibt die Möglichkeit, sich zu engagieren. Der kleine Beitrag muss vernetzt werden, dass er global größer wird und dadurch die Möglichkeit besteht, Dinge zu verändern. Das ist für mich der springende Punkt und die Motivation für meine Arbeit“, so Bauer.



Agrosprit hinterfragen

So lange „der Boom der Agrotreibstoffe gefördert wird, so lange wird Brasilien die Agrospritproduktion auch forcieren, um daraus Kapital zu schlagen“, sagt CPT-Mitarbeiter Thomas Bauer. Auch Österreich plant ab 2010 einen Anteil von zehn Prozent an alternativen Treibstoffen zum Kraftstoff. „Hier gilt es, Bewusstseinsbildungsarbeit zu leisten, sei es in Brasilien oder auch in Österreich. Kritisch hinterfragt werden könnte z. B. der Rapsfeldanbau in Österreich. Welche Auswirkungen hat der Rapsanbau auf den lokalen Markt?“
Projekte wie etwa die Flussumleitung des Rio São Francisco in Brasilien, die soziale und ökologische Schäden verursachen, müssen weltweit in Frage gestellt werden. „Der vorherrschende Fortschrittsgedanke führt uns auf lange Sicht in eine Sackgasse. Wir verbrauchen derzeit die Rohstoffe von drei Planeten.
Irgendwann sind sie aber erschöpft und wir werden nicht mehr so weiterleben können wie bisher“, betont Thomas Bauer.



Zur Sache


Protestaktionen

Rund 700 Vertreter/innen verschiedener sozialer Bewegungen und Landlosen-Organisationen besetzen seit 10. Juni das Wasserkraftwerk Sobradinho im Norden des Bundesstaates Bahia. Diese Protestaktion ist Teil der Aktionswoche der Via Campesina (Dachorganisation der ländlichen sozialen Bewegungen und Landlosen-Organisationen) gegen das Entwicklungsmodell der Regierung für die semiaride (halbtrockene) Region des Nordostens, gegen Großprojekte, den Bau von neuen Staudämmen und die Umleitung des Rio São Francisco. Die beteiligten Organisationen fordern Entwicklungsprojekte, die an das Klima und die natürlichen Bedingungen der semiariden Region angepasst sind und die Nahrungssicherung und Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung zum Ziel haben, nicht das export-orientierte Agrobusiness. Auch in Pernambuco, einem Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, gab es Protestaktionen. 200 Landarbeiter besetzten eine Zuckerrohr-Versuchsanlage in der Gemeinde Carinpina, in der Zona da Mata Region. Sie protestierten gegen die Expansion des Zuckerrohranbaus als Ursache für zunehmende Landkonzentration und ländliche Armut. In Parnaíba besetzten 200 Vertreter der Via Campe-sina den Großgrundbesitz Senhora de Lourdes nahe der Stadt Marí. Dort wird auf 1100 Hektar Zuckerrohr angebaut.
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