Umstrukturierung, Selektion, Optimierung sind Begriffe, die in der heutigen Arbeitswelt gehäuft vorkommen. Welche Ideologie dahintersteckt und was sie über den Wert des Menschen aussagt, legt Filmregisseur Nicolas Klotz in seinem meisterhaften Film frei.
„Schon eine flüchtige Kenntnis der Geschichte lehrt uns, dass in Zeiten der Barbarei die Sprache das Erste ist, was tötet, es ist die Sprache, die dem anderen, den man töten will, jede Menschlichkeit abspricht.“ –So erläuterte der belgische Psychologe und Psychoanalytiker Francois Emmanuel die provokante These zu seinem Roman „Der Wert des Menschen“. Der französische Filmregisseur Nicolas Klotz hat diesen Text fürs Kino adaptiert.
Verräterische Sprache. Die Hauptfigur Simon (Mathieu Amalric) ist erfolgreicher Betriebspsychologe in der französischen Niederlassung des multinationalen Konzerns „SC Farb“. Die Anspielungen auf „IG Farben“, jenen Konzern, der das Gas produzierte, das in den Vernichtungsanstalten der Nazis verwendet wurde, sind offensichtlich. Die kürzlich abgeschlossene „Umstrukturierung“ der Firma wäre ohne seine „Evaluierungskriterien“ nicht so reibungslos verlaufen. Von einer der Führungskräfte des deutschen Stammkonzerns, Karl Rose, wird er beauftragt, Nachforschungen über den psychischen Zustand des Generaldirektors Mathias Just anzustellen. Simon entdeckt bei seinen Ermittlungen, dass Rose Kontakte zu Nazi-Splittergruppen pflegt. Er stößt schließlich auf Dokumente aus dem Jahr 1942, in denen technische Optimierungen bezüglich der Saurer-LKWs angeordnet werden, die die „Effizienz“ der Lastwagen bei der Vergasung der „Ladung“ betreffen. Simon begreift nach und nach, dass in der Sprache der modernen Ökonomie der technokratische Sprachgestus der Nazis widerhallt: Umstrukturierung, Umsiedlung, Umstellung, Delokalisierung, Selektion, Evaluierung, Optimierung ..., alles Begriffe, die in der heutigen Arbeitswelt permanent verwendet werden. Der Mensch, das Individuum, wird auf eine Zähleinheit reduziert.
Glasklarer Blick hinter die Fassade. Klotz gelingen die passenden Bilder zur Welt der „New Economy“: kalte Büroräume, Glas – und Spiegelwände, die Räume spiegeln die Ideologie der modernen Wirtschaftswelt wider. So sieht man am Anfang des Films schwarz gekleidete, nicht mehr zu unterscheidende Manager in einer Toilettenanlage, die an Sterilität kaum zu übertreffen ist, an einem „Nicht-Ort“ sozusagen, wo sie sich rasieren, parfümieren und Zigaretten rauchen. Bezeichnend auch jene Sequenz, in der sich Simon und einige Arbeitskollegen auf einer Rave-Party mit Drogen vollpumpen. Das Fest findet in einer aufgelassenen Fabrik an der urbanen Peripherie statt, an einem Gegenort, wo all die aufgestauten Emotionen sichtbar werden. Nicolas Klotz’ glasklarer Blick hinter die Fassaden der modernen Arbeitswelt ist bisher einer der Höhepunkte dieses Kinojahres.