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Religion als Spaltpilz

Wenn „im Namen Gottes“ Machtpolitik gemacht wird
Ausgabe: 2008/27, Thema, Religion, Spaltpilz, Kneissel, Dr. Karin Kneissel, Papstpuppe, Machtpolitik, Macht, Fundamentalisten
07.07.2008
- Hans Baumgartner
Vor zehn Jahren hätten Sprüche wie „Pummerin statt Muezzin“ niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt. Heute ist das anders. Religion wurde zum politischen Zündstoff, weltweit ebenso wie in der Gemeindestube.

Der eine will die „Achse des Bösen“ zerschlagen, der andere ruft zum Kampf gegen die Ungläubigen auf. Im Namen Gottes werden Kriege gerechtfertigt und Selbstmordattentäter in Schulbusse geschickt. „Seit den 80er Jahren erleben wir eine Rückkehr des Religiösen, aber nicht als spirituelle Kraft, sondern als Instrument politischer Machtinteressen, als Vehikel der Mobilisierung der eigenen Gefolgschaft und der Abgrenzung gegenüber anderen“, sagt die Nahostexpertin Karin Kneissl. Begonnen habe diese Entwicklung in der islamischen Welt, wo man nach dem Versagen innerweltlicher Ideologien (Panarabismus, Sozialismus, säkulare Diktaturen) das Heil in einem politischen Islam zu finden hoffte. Mit der Rückkehr zu den Wurzeln wollte man die Unterlegenheit gegenüber dem Westen, die Frustration über die eigene Zerstrittenheit oder die Schwäche gegenüber Israel überwinden, erläutert Kneissl.

Stunde der Fundamentalisten. Ungelöste Konflikte (Palästina/Israel, Libanon, Irak), das weltpolitische Tauziehen um neue Machtsphären nach dem Niedgergang des Sowjetkommunismus und die sozialen Missstände in ihren Ländern nutzten islamische Hardliner, um mit dem Koran Politik zu machen. „Die meisten von ihnen“, so Kneissl, „waren und sind keine Religionsfachleute, sie zimmerten sich ihren Islam so zurecht, wie er ihnen für ihre Machtinteressen und für ihre Propaganda am besten diente.“ Aber auch in anderen Ländern (z. B. Indien) sei der Einfluss religiös-politischer Fundamentalisten gewachsen. In Israel seien es die national-religiöse Gruppen, die unter Berufung auf alte Bibeltexte eine Siedlung nach der anderen im Palästinensergebiet errichtet haben. Y. Rabins Warnung, die Bibel sei kein Grundbuch, stieß auf taube Ohren. Ein zunächst politischer und nationaler Konflikt bekam so zusätzlich eine brisante religiöse Dimension. Verschärft wurde „globale Religionskonflikt“, als in den USA durch die Wahl von G. W. Bush die freikirchlichen Gruppen „wiedergeborener Christen“ erheblichen Einfluss bekamen. „Wenn man sich das unkritische Bibelverständnis der einflussreichen TV-Prediger aus dem Texas-Gürtel anhört, wird einem schlecht“, sagt Karin Kneissl. „Und das sind jene Leute, die vorgeben, genau zu wissen, was der politische Wille des lieben Gottes ist.“

Ungehört. Papst Johannes Paul II. habe das brandheiße Konfliktpotential dieser Entwicklungen deutlich erkannt, meint Kneissl. Seine eindringlichen Warnungen, niemand könne „im Namen Gottes“ seine (Kriegs-)Politik rechtfertigen, blieben weitgehend ungehört. „Und so wurde aus einer von Fundamentalisten geschickt genutzten Konfrontation um Machtinteressen im Bewusstsein vieler Menschen ein Krieg der Religionen“, bedauert Kneissl. Im Zuge dieser Entwicklung kam es in Ländern mit einer langen Tradition des guten Zusammenlebens zu gewalttätigen Spaltungen entlang religiöser Grenzen. Als Beispiele nennt Kneissl den Libanon und Bosnien-Herzegowina, aber auch Nigeria. In vielen Ländern führen Übergriffe fundamentalistischer Gruppen auf „Andersgläubige“ zur Destabilsierung. In den westlichen Gesellschaften gebe es vor allem nach den Anschlägen von New York, Madrid und London eine wachsende religiöse Überlagerung der vielfach nicht gelösten Integrationsprobleme.




ZUR SACHE


Religiöse Konflikte in Europa


Die lokalen Auswirkungen globaler „Religionskonflikte“ diskutierte vergangenes Wochenende eine hochkarätig besetzte Konferenz im Bildungshaus St. Virgil/Salzburg. Karin Kneissl analysierte dabei die Bedeutung religiös geprägter Konflikte für die europäische Gesellschaft. Im Kirchenzeitungsgespräch meinte sie: „Die gegenwärtigen Entwicklungen geben wenig Grund zum Optimismus. Man darf aber dennoch nicht aufgeben, aufeinander zuzugehen.“

Umfragen machen deutlich, dass viele Menschen Angst vor islamistischen Anschlägen haben. „Noch ist die Situation nicht gekippt, die Normalität des Lebens nicht aus den Fugen geraten – auch deshalb, weil massive Anschlagspläne verhindert werden konnten“, meint Kneissl. Aber politische Populisten machen sich diese zum Teil ja berechtigten Sorgen zunutze. Waren bisher „die Ausländer“ ihr Angriffsziel, ist es nun der Islam. Die muslimischen Mitbürger/innen geraten dabei immer mehr unter den Generalverdacht, Sympathisanten des Terrors zu sein. Bei einem Teil der Muslime führe dieser Druck zu einem Rückzug in die eigene Welt und Tradition. Sie fühlen sich zuerst als Muslime und dann erst als Staatsbürger. Parallelgesellschaften werden gefestigt, das Loyalitätsproblem verschärft.

Das Beispiel der nach außen bestens integrierten Londoner Terroristen zeige, dass bisherige Integrationsmodelle gescheitert seien, meint Kneissl. „Wir haben die Psyche der Menschen nicht erreicht“, meint sie und warnt vor weiteren Spaltungen. Sogar im nüchternen Wirtschaftsbereich drifte die Gesellschaft auseinander, wie die steigende Beliebtheit für Islamic Banking zeige.


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