Als aber Petrus nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich schuldig gemacht hatte. Bevor nämlich Leute aus dem Kreis um Jakobus eintrafen, pflegte er zusammen mit den Heiden zu essen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich von den Heiden zurück und trennte sich von ihnen, weil er die aus der Beschneidung fürchtete ...“ (Gal 2, 11–12).
Die Vorgeschichte. Was macht Paulus so zornig, dass er Petrus vor versammelter Gemeinde angreift und ihn zur Rede stellt? In Jerusalem hatte man einen Kompromiss errungen: Christen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft können miteinander Mahlgemeinschaft halten. Speisevorschriften und Beschneidung trennen nicht mehr. Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus steht über allem, was trennt. So war es für Paulus selbstverständlich geworden, mit Nichtjuden gemeinsam zu essen. Auch Petrus, der inzwischen nach Antiochia gekommen war, konnte diese Entscheidung mittragen. Er hat sich selbstverständlich den gemeinsamen Mahlzeiten angeschlossen.
Der Konflikt. Dann aber kamen eines Tages Vertreter der Gemeinde aus Jerusalem, Judenchristen rund um den Jerusalemer Gemeindeleiter Jakobus. Ihnen ging diese Freiheit entschieden zu weit. Sie warfen den Christen in Antiochia mangelndes Traditionsbewusstsein und mangelnde Frömmigkeit vor. Um des lieben Friedens willen gibt Petrus nach. Er sondert sich von den gemeinsamen Mahlzeiten ab und führt dadurch ein „Zweiklassenchristentum“ ein. Für Paulus hat Petrus damit Wesentliches verraten und die Christen aus den Völkern aus der Einheit ausgeschlossen. Besonders schmerzt es Paulus, dass auch sein Glaubensgefährte und besonderer Freund Barnabas sich mitreißen hat lassen.
Wie Paulus damit umgeht. In aller Offenheit spricht Paulus den Konflikt mit Petrus an. Er nimmt die Logik des Petrus auf und stellt ihm und allen anderen in der Gemeinde Fragen, um zum Nachdenken und zur Einsicht anzuregen. Paulus erinnert an die gemeinsame Basis: Das Vertrauen auf Jesus Christus und seine Gnade ist das Entscheidende und Verbindende. Kulturelle und religiöse Herkunft und Traditionen treten dahinter zurück (siehe Galaterbrief 2, 11–21).
Den eigenen Weg finden. Es bleibt im Dunkel der Geschichte, ob der Konflikt tatsächlich gelöst werden konnte. Die Wege trennen sich. Paulus besinnt sich auf seine Berufung zur Christusverkündigung unter allen Völkern und bricht zur zweiten Missionsreise auf.
Auch in unserem Leben sind wir immer wieder genötigt – vielleicht gerade durch Konflikte – den eigenen Weg zu finden. Wir suchen den Weg, der unserer Berufung entspricht, den Platz, an dem wir unsere Lebensaufgaben erfüllen.
Nächste Folge: Was Paulus Frauen zutraut
Paulus. Mensch und Apostel Jesu
Eine 5-teilige Reihe von
Mag. Ingrid Leitner Mag. Margarita Paulus Mag. Peter Hausberger
Verwendete Literatur: Grundkurs Bibel – Neues Testament. 6. Kursteil: Paulus – Zeuge und Apostel Jesu Christi. Stuttgart 1989 und 2002.