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„Das Beste“ für die Kinder ist nicht immer ganz so klar

Bildung: Mehr auf die Situation der Familien und die Bedürfnisse der Kinder schauen
Ausgabe: 2008/29, Kinder, Beham-Rabanser, Familie, Wandel, Grenzen
16.07.2008
- Hans Baumgartner
Pia geht in die Schule [ (c) www.BilderBox.com, Erwin Wodicka, Siedlerzeile 3, A-4062 Thening, Tel. + 43 676 5103678.Verwendung nur gegen HONORAR, BELEG, URHEBERVERMERK nach AGBs auf bilderbox.com], Allgemeinbildung, Ausbildung, Bildungsniveau, Bildu
Pia geht in die Schule [ (c) www.BilderBox.com, Erwin Wodicka, Siedlerzeile 3, A-4062 Thening, Tel. + 43 676 5103678.Verwendung nur gegen HONORAR, BELEG, URHEBERVERMERK nach AGBs auf bilderbox.com], Allgemeinbildung, Ausbildung, Bildungsniveau, Bildu
© www.BilderBox.com


Das Zusammenspiel von Familien und Bildungseinrichtungen steht heute vor neuen Herausforderungen“, sagt Martina Beham. Sie appelliert, genauer auf die Situation der Familien und auf die Bedürfnisse der Kinder zu schauen.

„Wir müssen in der Bildungsdiskussion nicht nur auf Pisa und Leistungsstandards schauen, sondern viel mehr auf die Situation der Familien und die Bedürfnisse der Kinder“, fordert die Linzer Soziologin und Familienforscherin Martina Beham-Rabanser. Die Partnerschaft zwischen Familien und Bildungseinrichtungen stehe vor neuen Herausforderungen.

Tiefer Wandel. „Zwischen Kindergarten und Schule auf der einen und dem Elternhaus auf der anderen Seite haben sich in den vergangenen Jahren viele Grenzen verschoben. Früher war klar, für die Erziehung und Betreuung ist die Familie zuständig, für die Bildung die Schule. Heute“, so Martina Beham, „wird von der Schule erwartet, dass sie immer mehr Betreuungsaufgaben und Erziehungsleistungen (Medien-, Sexual-, Umwelt- oder Konflikterziehung) übernimmt. Andererseits übernehmen außerschulische Einrichtungen immer öfter Bildungsaufgaben (Feriencamps, Musikschulen etc.) – zumindest dort, wo es sich die Eltern leisten können und wollen“, meint Beham. Diese Entwicklung habe verschiedene Gründe. So sorge ein Arbeitsmarkt, der immer mehr Mobilität, Flexibilität und Verfügbarkeit (je nach Arbeitsanfall) verlangt, für eine Aufweichung bisheriger familiärer Lebensmuster. „Dazu kommt die wachsende Unsicherheit, wie lange man im jeweiligen Job bleiben kann. Das macht die Aufgabe der Familie, ein gewisses Maß an Sicherheit und Geborgenheit zu bieten, immer schwieriger“, betont Beham. Und schließlich dürfe man – auch in der Bildungsdiskussion – die Augen nicht vor der wachsenden Zahl von Trennungen, Scheidungen, Alleinerziehenden oder sogenannten Patchwork-Familien verschließen.

Genau hinschauen. Kritisch sieht die Familienforscherin den derzeitigen Bildungsdiskurs. „Da hört man doch dauernd, dass diese und jene Reformmaßnahmen alle im Interesse der Kinder sind, damit sie die besten Lebenschancen haben. Wenn man allerdings genauer hinsieht, merkt man, dass diese Reformen eine ganze Reihe anderer politischer Interessen mitbefördern sollen. Da geht es um familien-, frauen- und sozialpolitische Weichenstellungen ebenso wie um arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Interessen.“ Als Beispiel nennt Beham die Forderung, dass jedes Kind einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung haben soll. „Da heißt es dann, dass man in dieser Schulform die Kinder am besten fördern und soziale Startnachteile am besten ausgleichen könne. Das mag zum Teil auch stimmen. Aber man sollte aufpassen, ob hier nicht die Bildungspolitik für die mangelnde Bereitschaft der Wirtschaft, mehr auf Familien mit Kindern Rücksicht zu nehmen, oder für den wachsenden Karrieredruck einspringen muss. Ich frage mich da immer, wo bleiben die Bedürfnisse der Kinder.“

Humankapital. Kritisch sieht Beham auch den vorherrschenden Bildungsbegriff. „Da heißt es – auch unter Berufung auf die Gehirnforschung –, dass Kinder möglichst früh mit dem Lernen beginnen sollten. Lernen wird dabei oft auf messbare Bildungsinhalte verkürzt, weil Kinder als ,Humankapital‘ gesehen werden, in das man investieren muss.“ Daraus ergebe sich die Gefahr, dass „Eltern unter Druck geraten und Kinder instrumentalisiert werden und ihnen ein wichtiger Teil ihres Lebens, eine halbwegs unbeschwerte Kindheit, genommen wird“, meint Beham.




ZUR SACHE


Wollen und Grenzen


Wollen und Grenzen „Gemeinsam erziehen. Das umkämpfte Kind zwischen Familie, Bildungsinstitutionen und Gesellschaft“ – unter diesem Thema steht diese Woche die 57. Internationale Pädagogische Werktagung in Salzburg. Die Linzer Soziologin Martina Beham-Rabanser sprach dabei über die Familie als Bildungs- und Erziehungspartnerin.

„Ich wehre mich gegen die öffentliche Schwarz-Weiß-Malerei, wo die einen unser Bildungssystem hochjubeln und ein rosiges Familienbild zeichnen und die anderen den Bildungsnotstand und die Erziehungsverwahrlosung an die Wand malen“, sagt Martina Beham. Was sie allerdings sehe, ist, dass sich die Rahmenbedingungen, unter denen Eltern und Bildungseinrichtungen ihre Aufgaben erfüllen sollen, deutlich geändert haben. „Heute wird von den Eltern verlangt, dass sie für ihre Kinder da sind, dass sie ihre Kinder partnerschaftlich behandeln, sie fördern und ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Wir wissen aus Erziehungsstudien, dass die Eltern das auch bestmöglich erfüllen wollen, dass sie dabei aber an Grenzen der Zeit, Energie und Kompetenz stoßen. Bildungseinrichtungen können diese Defizite aber auch nicht entsprechend auffangen, weil ihnen oft die Ressourcen fehlen – auch für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule oder Kindergarten (z. B. Erziehungsgespräche). Wir brauchen Maßnahmen, nicht Appelle“, sagt Beham.


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