Kurz nach ihrer Landung in Frankreich besuchte Ingrid Betancourt die Basilika Sacré-Coeur in Paris. Sie wollte sich bei Jesus und der Heiligen Jungfrau Maria für ihre Befreiung aus der Gefangenschaft der kolumbianischen Guerilla bedanken. Nach dem Gebet hat sie in einem Interview mit der französischen katholischen Wochenzeitung „Pèlerin“ über ihren Glauben gesprochen und wie er ihr in den schweren sechs Jahren der Geiselhaft geholfen hat.
Ihre erste Geste als freie Frau war ein Kreuzzeichen und ihr erstes Wort war ein Ausdruck der Dankbarkeit Gott und der Hl. Jungfrau gegenüber. Wie kommt es dazu?
Betancourt: Während meiner Gefangenschaft habe ich diese Entscheidung getroffen: Zuerst dem Herrn zu danken, wenn der Moment der Befreiung kommt. Warum? Ich glaube nicht, dass ich am Schmerz hätte wachsen können, wäre nicht der Herr an meiner Seite gewesen. Als Geisel findet man sich in einer Situation andauernder Erniedrigung. Sie sind Opfer, jeder Willkür ganz und gar ausgeliefert, das Schlimmste für die menschliche Seele. Angesichts dessen gibt es zwei Wege: Entweder man lässt sich niedermachen, wird sauer, bissig, mürrisch, rachsüchtig und man lässt zu, dass Groll und Hass das Herz erfüllen. Oder man wählt den anderen Weg, den Jesus uns gezeigt hat: „Segne deine Feinde.“ Jedes Mal wenn ich die Bibel gelesen habe, habe ich verspürt, dass die Worte an mich gerichtet waren, als ob er mir gegenüberstünde, als ob er wüsste, was ich sagen sollte – und das traf mich mitten im Herzen.
Haben Sie nie Zweifel bekommen?
Betancourt: Natürlich habe ich erlebt, dass es schwer ist, diesem Wort treu zu sein, denn der Feind quält dich. Aber immer wenn ich ausgesprochen habe: „Segne deinen Feind“ – obwohl ich das Gegenteil sagen wollte – war es wie ein Wunder und ich empfand so etwas wie Erleichterung. Der ganze Horror verschwand, ganz einfach. Solche Sachen könnte ich tagelang erzählen. Ich weiß und fühle es, dass in mir eine Veränderung geschehen ist. Und diese Veränderung verdanke ich dieser Berührung, dieser Fähigkeit zu hören, was Gott für mich wollte. Es war ein konstanter Dialog mit Gott durch das Evangelium.
Dieser Glaube, der Sie durch all diese Jahre getragen hat, war er von Anfang an da? Oder gibt es da ein besonderes Ereignis, einen bestimmten Auslöser?
Betancourt: An zwei Episoden erinnere ich mich genau: Zu Beginn meiner Gefangenschaft habe ich mir gesagt: Gut, du wirst viele Monate hier verbringen, also lies die Bibel! – ich kannte sie ja nicht. Ich schlug sie auf und stieß auf die Briefe des Apostels Paulus. Ich zitiere jetzt aus dem Gedächtnis, aber es klang ungefähr so: „Du kannst bitten um was du willst – der Heilige Geist weiß besser als du, was du brauchst.“ Als ich das gelesen habe, habe ich aufgeschrien: „Mein Gott, es ist gut, aber ich weiß, was ich will, ich will frei sein!“ Sechs Jahre danach lese ich dasselbe Kapitel und schließlich habe ich begriffen: Glücklicherweise war der Heilige Geist da, um für mich zu beten, denn ich bin unfähig zu erbitten, was notwendig ist ... voilà.
Und in all den Jahren, haben Sie sich nie von Gott verlassen gefühlt oder einsam?
Betancourt: Das erste Jahr, ja, da habe ich gegen Gott gekämpft. Ich warf ihm den Tod meines Vaters vor (s. Zur Person, unten). Ich sagte: „Warum hast du mir das angetan? Du weißt, dass ich dich liebe! Warum bestrafst du mich?“ Und dann habe ich verstanden, dass ich dankbar sein sollte, dass Gott ihn zu sich genommen hat. Denn niemals hätte Papa diese sechs Schreckensjahre ertragen. Im Rückblick kann ich sagen: Ja, mein Glaube ist kontinuierlich gewachsen. Es ist eigenartig, aber es war, als ob die Dinge geschähen, damit ich durch sie anderes verstehen lerne.
Sie tragen jetzt immer einen Rosenkranz um ihr Handgelenk. Was hat das auf sich?
Betancourt: Da muss ich erzählen, wie ich Maria entdeckte. Papa verehrte die Hl. Jungfrau sehr, während ich ... lassen Sie es mich so sagen: Damals fand ich Maria eher kindisch. Sie war nicht wirklich das Bild der Frau, von der ich träumte. Aber dann, in der Gefangenschaft, habe ich die Evangelien wieder gelesen und die Bewunderung für sie hat mich ergriffen. Zweifellos deshalb, weil es Lebenserfahrung braucht, eine gewisse Reife, um die Heilige Jungfrau zu verstehen. So fand ich diese junge Frau, die akzeptierte, ein Kind zu bekommen, obwohl sie einen ganz anderen Lebensplan hat, allmählich richtig sensationell. Sie nahm alle Risiken auf sich. Für viele Christen sind das ganz bekannte Sachen, aber für mich war das eine wahre Entdeckung. Ich entdeckte eine starke, eine intelligente Maria, die sogar Humor hat. Also ich sage Ihnen: Ich habe mich in Maria verliebt; bei der Lektüre des Johannesevangeliums, wo die Geschichte von der Hochzeit zu Kanaa erzählt wird. Dieser Dialog zwischen Maria und Jesus ist ganz außergewöhnlich. Diese besondere Vertrautheit zwischen den beiden, das ist genial. Trotz aller guten Argumente, die Jesus seiner Mutter gegenüber ins Treffen führt, weiß sie schon, dass er machen wird, was sie will; dass er – aus Liebe zu ihr – das Wasser in Hochzeitswein verwandeln wird. Als ich das gelesen habe, musste ich an meine Beziehung zu meinem Sohn Lorenzo denken.
Sie wollen heute Abend in die Basilika Sacré-Coeur gehen. Welchen Sinn geben Sie dieser Wallfahrt auf den Montmartre?
Fast sieben Jahre lang habe ich der Heiligen Jungfrau manches versprochen und das, was ich Ihnen jetzt erzähle, ist von ganz besonderer Bedeutung für mich. Am 1. Juni habe ich Radio Catolica Mundial gehört und erfahren, dass der Monat Juni dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht ist. Und als ich am Vorabend meiner Entführung meinen Vater zum letzen Mal sah, sind wir in seinem Zimmer gesessen, unter einem Bild von Sacré-Coeur. Papa hat meine Hand genommen, das Bild angesehen und gesagt: „Heiligstes Herz Jesu – nimm dich meines Herzens an, nimm dich meines Kindes an.“ Und als ich da im Radio vom Herzen Jesu sprechen hörte, habe ich ganz gespannt zugehört und verstanden, dass das Vertrauen in das Herz Jesu mit Segnungen verbunden ist. Ich erinnerte mich an ein Gebet, in dem Jesus verspricht, die Hartherzigen, die uns leiden machen, zu berühren. So habe ich gebetet: „Mein Jesus, ich habe niemals etwas von dir verlangt, weil du so groß bist und ich mich schämte, etwas von dir zu verlangen. Aber jetzt, jetzt will ich etwas sehr Konkretes erbitten. Ich weiß nicht genau, was es bedeutet, sich dem Herzen Jesu zu weihen – aber wenn du mir im Monat Juni, der dein Monat ist, das Datum, an dem ich frei sein werde, ankündigst, dann werde ich ganz dir gehören!“ Am 27. Juni kam dann ein Guerillakommandant ins Lager und befahl uns, unsere Sachen herzurichten, denn einer von uns könnte vielleicht frei werden. Während er noch sprach, habe ich gedacht: „Voilà – Er ist gekommen!“ Über meine Befreiung gibt es jetzt sehr unterschiedliche Versionen, aber Fakt ist: Jesus hat Wort gehalten. Ich erlebte ein Wunder.
* Wir danken dem Verlag Bayard-Press bzw. der Redaktion des „Pèlerin“ für die Erlaubnis zur Übersetzung und des Abdrucks des Interviews. Übersetzung: Walter Buder.
Ingrid Betancourt: „In all den Jahren der Gefangenschaft habe ich die Hand Gottes über mir gespürt, mehr noch allerdings am Tag meiner Befreiung.“
ZUR PERSON
Ingrid Betancourt
Ingrid Betancourt (* 25. Dez. 1961 in Bogotá, Kolumbien) ist eine französisch-kolumbianische Politikerin (Grüne). Die zweite Tochter von Gabriel Betancourt (er starb einen Monat nach der Entführung seiner Tochter an Herzversagen) und Yolanda Pulecio wuchs in Paris auf, wo ihr Vater Kolumbien bei der UNESCO vertrat. In den 50er Jahren war er kolumbianischer Bildungsminister. Ihre Mutter ist eine frühere Abgeordnete in Kolumbien und ehemalige Schönheitskönigin. Seit 1981 war Ingrid Betancourt mit dem französischen Diplomaten Fabrice Delloye verheiratet. Aus dieser Ehe gingen Mélanie (* 1985) und Lorenzo (* 1988) hervor; 1990 ließ sich das Paar scheiden. 1996 heiratete sie Juan-Carlos Lecompte, Mitbegründer der Grünen Kolumbiens (Partido Verde Oxigeno, PVO). Sie trat bei den Präsidentschaftswahlen 2002 in Kolumbien an und wurde noch vor der Wahl im Februar von der Guerillabewegung FARC entführt und im Juli 2008 mit 14 anderen Geiseln befreit.