Aus der Praxis: Heuer waren es 40 Jahre, dass Margit und Michael verheiratet sind. Sie haben den Tag nicht gefeiert, denn so gut geht es ihnen nicht, dass ihnen nach feiern gewesen wäre. Nun sind sie in die Beratung gekommen, weil Michael Margits „krankhafte Eifersucht“, wie er sagt, nicht mehr aushält. Der Blick in die Anfangszeit ihrer Ehe brachte tiefe Kränkungen zutage. Eine hat damit zu tun, dass Michael im Außendienst tätig war und oft wochenlang weit weg im Ausland blieb. Margit ist es in ihren beiden Schwangerschaften nicht gut gegangen. Sie hätte sich so sehr Michaels Nähe und Beistand gewünscht. Nach dem ersten Kind ist er sogar gleich am Tag nach der Geburt wieder für ein paar Tage nach Hamburg gefahren. „Ich musste“, beteuert Michael heute noch, denn das wurde von seiner Firma verlangt. Die ersten Jahre hatte Michael nicht nur wenig Zeit, sondern er konnte auch mit den Kindern wenig anfangen, sodass sich Margit wie eine alleinerziehende Mutter vorkam.
Frühe Verletzungen, die durch Unachtsamkeit und aus mangelndem Einfühlungsvermögen entstanden sind, wirken oft Jahrzehnte nach.
Auch wenn Michael beteuert, dass er Margit das nicht antun wollte, für sie war es einetiefe Kränkung, die heute noch schmerzt. Da helfen keine noch so „richtigen“ Argumente. In ihrem Gefühlt zählt nicht die Absicht Michaels, sondern die Wirkung seines Tuns. Vielleicht hätte sich Margit mit der Situation leichter getan, wenn auch Michael ihr mehr von seinem enormen Druck in der Firma erzählt hätte. Was hier gefehlt hat, war diegegenseitige Unterstützung in der persönlich sehr schwierigen Situation: Bei ihr Schwangerschaft und Geburt, bei ihm die Arbeitssituation. So aber fühlte sich Margit von ihrem Mann im Stich gelassen, und das kränkte sie. Diese Kränkung verstärkte sich noch dadurch, dass sich Michael auf die Umstände herausredete.
Vorenthalten. Dass Michael an Margit schuldig geworden ist, hat weniger mit moralischer als mit existenzieller Schuld zu tun. In seiner Begrenztheit hat Michael als junger Ehemann und Vater seiner Frau und den Kindern etwas vorenthalten, was sie gebraucht hätten, er aber zu dieser Zeit nicht im Stande war, ihnen zu geben.
Verantwortung übernehmen. Es ist notwendig, dieses Schuldiggebliebensein anzuerkennen, sich einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Dann kann vielleicht auch jetzt noch gegenseitiges Verständnis entstehen. Wenn Margit spürt, dass es Michael wirklich leidtut, kann eine neue Form von Nähe entstehen, wo echtes Verzeihen Platz hat. „Schuld“ muss dann nicht mehr vorgehalten und als „Dauerwaffe“ eingesetzt werden. Den wichtigen ersten Schritt muss Michael setzen, damit Margit loslassen kann.
Versöhnung ist möglich. Wenn Margit ihre Enttäuschungen und Kränkungen loslässt, kann sie sich Michael auch nach so vielen Jahren neu öffnen. Nicht möglich ist das jedoch, wenn sie ihre Verletztheitsgefühle weiterhin nährt und pflegt und die Machtposition des „moralisch guten“ Opfers gegenüber dem „moralisch schlechten“ Täter nicht verlässt. Die Versöhnung mit der Vergangenheit ermöglicht beiden eine neue Lebensqualität.