In seiner Heimat Mexiko nennt man ihn den „Migrantenheiligen“. Wegen seines Kampfes für den Schutz von Einwanderern aus Zentralamerika auf ihrer gefährlichen Durchreise in die USA, ist der katholische Priester Alejandro Solalinde hoch geachtet. Der Mafia ist er allerdings ein Dorn im Auge.
Ausgabe: 2017/41
10.10.2017
- Susanne Huber
In Mexiko werden Migrant/innen häufig Opfer der Drogenmafia – sie verschwinden einfach, werden entführt, erpresst, vergewaltigt und ermordet. „Dahinter steckt das organisierte Verbrechen unter Beteiligung der staatlichen und auch der lokalen Polizei, manchmal sogar der Armee, die daraus ein Geschäft gemacht haben, Leute zu kidnappen und zu erpressen. Eine besondere Feinheit ist, dass sie junge Mädchen rauspicken, gefangen nehmen, und sie dann als Prostituierte verkaufen“, erzählt Pater Alejandro Solalinde.
Aufgefangen
Um dieser dramatischen Situation gegenzusteuern, gründete der 72-jährige mexikanische Priester 2007 ein Netzwerk von Migrantenherbergen („Hermanos en el Caminos“, übersetzt „Brüder auf Wanderschaft“), um ihnen Schutz und Hilfe anzubieten. In seinen insgesamt sechs Unterkünften in Oaxaca, Mexiko Stadt, Vera Cruz und Toluca sind es durchschnittlich pro Tag 100 Migranten, die kommen und dann wieder weiterreisen. „Bei uns werden sie registriert und fotografiert, damit sie nicht spurlos verschwinden können; sie geben auch kodifizierte Telefonnummern von ihren Familienangehörigen an. Ein Team von Ärzten, Krankenschwestern, Psychologen und Anwälten steht ihnen zur Verfügung. Und natürlich gibt es Schlafplätze und Essensverpflegung.“ In den vergangenen Jahren seien bis zu 500.000 Migranten nach Mexiko gekommen. Davon gehen 25 Prozent in ihre Heimat zurück, 50 Prozent bleiben in Mexiko hängen und 25 Prozent gehen in die USA. Da die Grenze unter Kontrolle der Drogenhändler steht, geraten sie häufig in deren Fänge.
Humanitäres Visum
Hinter den Strömen von Migranten vor allem aus Honduras, Salvador und Guatemala nach Mexiko steckt die herrschende Gewalt in ihren Heimatländern. Die Wurzeln des Problems liegen in einem radikal-kapitalistischen System der jeweiligen Herkunftsländer, welches „das Leben der Menschen zerstört und durch eine Politik der Ausbeutung und der Gewalt ganz besonders den jungen Leuten die Hoffnung auf eine gute Zukunft nimmt. Man müsste deren Lebensbedingungen vor Ort verändern, um diese Schwierigkeiten wirksam zu bekämpfen; aber das ist eine sehr langfristige Geschichte und deshalb geht es im Augenblick um eine humanitäre Antwort.“ Das wäre die Aufgabe sowohl der Regierungen Zentralamerikas als auch Mexikos. Padre Alejandro Solalinde wurde aktiv und hat eine solche Antwort nicht nur vorgeschlagen, sondern sie wurde für Mexiko auch akzeptiert und durch seine Initiative 2011 im Parlament verabschiedet. Es geht dabei um das so genannte humanitäre Visum, eine Erlaubnis, welche die Behörden in Mexiko ausstellen und jene für ein Jahr bekommen, die entweder Opfer eines Übergriffes wurden, die Kinder oder einen Ehepartner in Mexiko haben oder die erkrankt sind. Dieses humanitäre Visum ist für ein Jahr gültig und kann prinzipiell erneuert werden.
Keine Angst
Wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte gerät Alejandro Solalinde immer wieder ins Visier der Drogenkartelle. Da er stets öffentlich anprangert, wenn es zu Vergehen und zu Verbrechen kommt und er dadurch das Geschäft der Mafia stört, bekam er zahlreiche Morddrohungen. Seit 2012 steht er deshalb unter Personenschutz. Auf die Frage, ob er Angst habe, lacht der Pater und verneint.