Brasiliens indigene Völker sind ständiger massiver Gewalt ausgesetzt und werden systematisch von ihrem Land vertrieben. Besonders betroffen sind die Guaraní-Kaiowá im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. In ihrer Heimat Brasilien wird diese Tatsache verschwiegen. Deshalb touren Vertreter ihres Volkes durch Europa, um sich Gehör zu verschaffen und ihre Rechte einzufordern.
Ausgabe: 2016/45
08.11.2016
- Susanne Huber
Beim letzten Angriff gab es keine Toten. Gott sei Dank. Doch 15 Dorfbewohner wurden durch Schüsse verwundet und haben die Kugeln immer noch im Körper. Es sind 60 Familien in Kurusú Amba, einer kleinen brasilianischen Gemeinde an der Grenze zu Paraguay, die immer wieder attackiert und von ihrem Land vertrieben werden. Elizeu Lopes ist einer von ihnen. Er ist Lehrer und wie alle im Dorf gehört er zum indigenen Volk der Guaraní-Kaiowá. Sie sind mit mehr als 47.000 Menschen der zweitgrößte Stamm von insgesamt 305 indigenen Völkern Brasiliens und leben vor allem im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, wo sich auch Kurusú Amba befindet. Ihre Lage ist dramatisch.
Recht auf Land
Generell sind die Rechte der indigenen Völker auf ihr Land in der brasilianischen Verfassung seit 1988 garantiert – „allerdings nur auf dem Papier“, sagt der 40-Jährige. Der politische Wille fehlt, ihre Territorien seitens der staatlichen Behörden zu vermessen und abzugrenzen (zu demarkieren) und somit deutlich festzulegen und zu schützen. Dagegen wehren sich die Indigenen.
Landraub
In Mato Grosso do Sul fallen mehr und mehr ihrer Flächen in die Hände ausländischer Großunternehmer, die das Land für großflächigen Zuckkerrohr-, Soja- und Maisanbau als auch zur Rinderzucht nutzen. „Wir werden mit Gewalt verdrängt und unser Boden dient als Weideland für Rinder, dessen Fleisch dann nach Europa exportiert wird“, sagt Elizeu Lopes traurig. Diese Landkäufe sind undurchsichtig und schwer nachvollziehbar. Von Großgrundbesitzern und auch von den lokalen Richtern gibt es immer wieder Verfügungen, welche die Guaraní-Kaiowá unter Druck setzen, ihr Land zu verlassen. Im Zuge dessen kommt es regelmäßig zu massiven Angriffen und Kämpfen.
Bewaffnete Milizen
„Jeden Tag werden wir bedroht von privaten Milizen, die von Großgrundbesitzern angeheuert werden. Sie fahren mit bis zu 100 Autos auf und vertreiben uns mit Waffengewalt“, berichtet Lopes. Die UN-Sonderberichterstatterin für indigene Rechte, Victoria Tauli-Corpuz, hat sich heuer im März vor Ort persönlich ein Bild von der dramatischen Lage der Guaraní-Kaiowá gemacht und einen Bericht darüber verfasst. Nach ihrem Besuch kam es erneut zu Gewaltakten, so der Lehrer. „Mein Bruder wurde dabei auch von einer Kugel getroffen; wir sind froh, dass er überlebt hat. Die Milizen haben großen Schaden angerichtet, vieles wurde niedergebrannt, darunter das Haus meines Vaters.“
Provisorische Hütten
Wenn es zu Attacken kommt, flüchten die Guaraní-Kaiowá, wohin sie können. „Früher haben wir uns im dichten Waldgebiet versteckt. Aber es gibt durch die massiven Rodungen keinen Wald mehr. Das ist ein Teil der Problematik, denn es gehört zu unserer Kultur, dass wir mit dem Wald und im Wald leben“, sagt der Brasilianer. Meistens lassen sie sich 30 Kilometer von Kurusú Amba entfernt am Straßenrand nieder und errichten provisorische Hütten, spannen Plastikplanen, die als Dach dienen. Weil ihnen ihr Lebensraum genommen wird, auf dem sie Ackerbau betrieben haben, leiden sie Hunger. „Es gibt zu wenig zu essen und es fehlt an Schulbildung und Gesundheitsversorgung.“ Daher sind sie auf Hilfe von außen angewiesen. Nur die Funai, die zuständige brasilianische Behörde zum Schutz der indigenen Bevölkerung des Landes, hilft mit Lebensmittelkörben. Davon können sie sich mit Müh und Not ernähren.
Tour durch Europa
Nach einer gewissen Zeit kehren sie trotz der gefährlichen Situation jedes Mal in ihr Dorf zurück, weil es ihr Territorium ist. Elizeu Lopes hat seine Stelle als Lehrer mittlerweile aufgegeben, weil er sich verstärkt für die Rechte der Guaraní-Kaiowá einsetzt. Wegen seine Führungsrolle erhält er ständig Morddrohungen, steht unter Personenschutz und ist daher nur selten bei seiner Frau, seinen sechs Kindern und seinen Eltern in Kurusú Amba. „Der brasilianische Staat verschweigt die Tatsachen der Gewalt gegen unser Volk. In unserem Land finden wir kein Gehör.“ Deshalb tourte eine Delegation von indigenen Führungspersonen nun schon zum vierten Mal durch Europa. Halt machten sie beim UN-Menschenrechtsrat in Genf, beim EU-Parlament, in Brüssel, London und Wien. „Wir fordern, dass unser Land, das uns rechtlich zusteht, abgegrenzt und uns zugesprochen wird und dass es Gerechtigkeit gibt hinsichtlich der vielen Ermordeten, die in diesem Kampf ihr Leben gelassen haben. Bis heute sind die Täter in diesem Konflikt nicht belangt worden. Die Menschenrechte müssen auch für uns gelten.“
Unterstützung
Organisiert wurde der Besuch der Vertreter indigener Führungspersönlichkeiten in Wien von der Dreikönigsaktion (DKA) und von SEI SO FREI, der entwicklungspolitischen Aktion der Katholischen Männerbewegung. Beide Organisationen unterstützen gemeinsam mit der EU und der Austrian Development Agency ein mehrjähriges Projekt für indigene Völker, um deren Rechte zu stärken. «
Zur Sache
Kardinal Schönborn ist erschüttert
Vertreter des indigenen Volkes der Guaraní-Kaiowá aus Brasilien sind unlängst von Kardinal Christoph Schönborn im Wiener Erzbischöflichen Palais empfangen worden. Er zeigte sich „besorgt und erschüttert“ über die Situation des indigenen Volkes. Seit dem 19. Jahrhundert sind sie immer wieder Opfer von Gewalt und Vertreibung.
Die 1988 in der Verfassung Brasiliens festgehaltenen Rechte der indigenen Bevölkerung dürften nicht ausgehöhlt, sondern müssten strikt verfolgt werden, sagte Schönborn. Er stehe solidarisch hinter jenen Organisationen, die sich für deren Rechte einsetzen. Namentlich nannte der Kardinal den Rat der brasilianischen Bischofskonferenz für indigene Völker (CIMI), dem bis 2015 der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler vorstand.
Christoph Schönborn kündigte ein entsprechendes Papier zum Thema bei der derzeit stattfindenden Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz an. Außerdem wolle er diese Angelegenheit im November auch mit dem Papst besprechen.