Ausgabe: 2008/50, Juliane B., Mitterkirchen, Unfall, Austrägerin, Traum, Bruckner, Leben
10.12.2008
- Matthäus Fellinger
Die Zeitungen schrieben vom Unfall der „Juliane B.“. Es war am 23. Juli 2004. Die Hauptschülerin Juliane Bruckner – so der volle Name – aus Mitterkirchen verunglückte beim KirchenZeitung-Ausfahren mit ihrem Fahrrad schwer. Tagelang hing ihr Leben an einem dünnen Faden. Doch Juliane ist heute stark da. Sie hat mehr geschafft, als ihr Ärzte und Lehrer/innen zugetraut hätten.
„Erla war schon immer mein Traum.“ Wie die große Schwester wollte auch Juliane Bruckner schon als Kind später die Fachschule für Sozialberufe der Schwestern von Erla besuchen. Heuer im Juli hat Juliane die Schule abgeschlossen, das Fach Ordinationshelferin sogar mit Auszeichnung.
Ihre Mutter Maria erinnert sich, wie man ihr abgeraten hatte: Diese Schule könnte einer Überforderung für Juliane bedeuten. „Aber ich hatte es ihr versprochen: Wenn du die Hauptschule schaffst, darfst du nach Erla.“ Was aber, wenn die Experten Recht behielten? Die Entscheidung war nicht leicht, denn schwere Jahre lagen hinter Maria Bruckner und ihrer Tochter Juliane.
Der Unfall. Zehn Häuser. Das war der Rayon, in dem Juliane Woche für Woche die KirchenZeitung zu bringen hatte, so auch in dieser Ferienwoche zwischen der 3. und der 4. Klasse Hauptschule. 9 Uhr am Morgen war es, unmittelbar beim Freilichtmuseum in Mitterkirchen. Nach dem letzten Haus passierte es. „Ich war unachtsam, der andere auch.“ Mehr weiß Juliane nicht mehr.
Eine große Kraft. „Sie haben dein Mädchen zusammengefahren“, hörte die Mutter, die in einer Mostschenke gerade beim Reinigen war. Zu Fuß rannte sie hinüber zur Unfallstelle. Die ersten Helfer waren schon da. „Ich habe auf einmal eine große Kraft in mir gespürt“, erzählt sie. Diese Kraft sollte sie lange brauchen. Der Hubschrauber flog das schwerstverletzte Kind ins Unfallkrankenhaus. Doch Juliane weiß von all dem nichts. „Ist vielleicht auch besser so“, meint sie. Vier Wochen lag sie auf der Intensivstation, dann wurde sie ins Kinderspital überstellt. „Das war ein schöner Moment für mich“ erzählt Juliane. Ihre Jungscharleiterin war dort Schwestern-Praktikantin. „Wenigstens eine, die mich kennt.“
Das lange Warten. Diese Tage, in denen das Kind nicht und nicht aus dem Koma aufwachte, in denen es auch künstlich ernährt werden musste, waren schlimm. „Ich habe mich immer gefürchtet, wenn das Telefon geläutet hat. Es könnte etwas mit Juliane sein.“Als dann Julia den ersten halben Becher Joghurt wieder essen konnte, war das eine Riesenfreude. Bis 8. November musste sie noch im Krankenhaus bleiben. „Alle haben sich so bemüht, vom ersten Tag an.“ Die Mutter braucht das Tagebuch gar nicht zu holen, die Ereignisse dieser Zeit haben sich in ihr Gedächtnis gegraben.
Drei „leiwande“ Jahre. Die Hauptschule hat Juliane bei den Guten Hirtinnen von Baumgartenberg fertiggemacht. Dort war sie in der Tagesbetreuung. Als Letzte wurde sie jeden Tag von den Betreuerinnen nach Hause gebracht. Mit einer solchen Verletzung die Schule so gut zu schaffen, ist schon erstaunlich. Aber Juliane hatte ihren Traum nicht aufgegeben – die weiterführende Schule in Erla. „In Gottes Namen, probieren wir es“, stimmte schließlich die Direktorin Sr. Hildegard zu. „Es waren drei extrem leiwande Jahre“, ist Juliane froh, dass ihre Mutter sich getraut hat, ihr Versprechen zu halten. Jetzt macht Juliane ein freiwilliges soziales Jahr im Landespflegeheim Schloss Haus.
Der Alltag hat sie wieder
Täglich um 7.30 Uhr beginnen die freiwilligen Volontär/innen ihren Dienst im Landespflegeheim Schloss Haus. darunter Juliane Brucker, die so gerne einen Sozialberuf lernen möchte – vielleicht Familienhelferin. Im nächsten Jahr will sie die Ausbildung beginnen. Aber vorher heißt es: Essen geben, pflegen, putzen, die Leute zu den vorgesehenen Therapien bringen und sich um Berge von Wäsche kümmern. Sie macht die Arbeit gern. „Wir können in Ruhe alles machen, ich habe keine Stress dabei“, fühlt sie sich der Aufgabe gewachsen.Doch für Juliane Bruckner ist nicht nur die Arbeit wichtig. Die Freundschaftsbänder, die sie am Arm trägt, stammen vom Fest nach dem Jugendprojekt „72 Stunden ohne Kompromiss“. Solche Veranstaltungen liebt Juliane, weil man so viele Leute kennen lernt. „Zu 99 Prozent bin ich in unserer Katholischen Jugend immer dabei“, sagt sie – in der Pfarre, aber auch im Dekanat.
Die Pfarre gab Halt. Auch Julianes Mutter Maria weiß sich in der Pfarre daheim. Sie weiß noch, wie ihr die Pfarre Halt in den schweren Wochen gegeben hat. „Sie haben in den Gottesdiensten für Juliane gebetet. Das hat mir viel Kraft gegeben“, erzählt sie.
Ihre Dankbarkeit, dass sich alles so gut gewendet hat, drückt sie in verschiedenen Diensten in der Pfarre aus. Vom Lautsprechertragen bei Begräbnissen bis zur Mitarbeit im Caritas-Ausschuss – und als Zechpröpstin. Frau Bruckner arbeitet außerdem im Team von „Essen auf Rädern“. Da bringt sie mit der Mahrlzeit oft auch ein paar Worte ins Haus. Soviel Zeit muss sein.