Aus der Praxis: Walter ist seit zehn Jahren von seiner ersten Frau geschieden. Mit ihr hat er zwei Kinder. Als Grund für die Trennung gab seine Frau an, dass er viel zu wenig Zeit für die Beziehung und die Kinder hatte. Walter war in seiner Firma in leitender Position, die viel Zeit und Engagement von ihm verlangte. Als er erfuhr, dass seine Frau einen anderen Mann kennengelernt hatte, war für sie die Trennung bereits fix. Für Walter war die Scheidung, die innerhalb von sechs Wochen durchgeführt wurde, ein Schock. Zwei Monate nach der Scheidung lernte Walter seine jetzige Frau Heidi kennen, die nach wenigen Wochen zu ihm in die Wohnung zog. Nach einem Jahr heirateten sie. Am Beginn hing der Beziehungshimmel voller Geigen. Doch nun sitzt Walter die Angst in den Knochen, denn Heidi hat im Internet einen Mann kennengelernt, mit dem sie eine kurze Außenbeziehung hatte. „Ich glaube, ich habe aus der Scheidung nichts gelernt, denn meine Arbeit steht immer noch an erster Stelle, dann kommen meine Kinder, mein Hobby und dann erst meine Frau. Ich habe begonnen, sie zu kontrollieren, doch das treibt sie immer weiter von mir weg.\"
Menschen, die ihre Arbeit lieben und darin aufgehen, übersehen leicht, dass auch ihreBeziehungen Zeit und Einsatz brauchen.
Walter liebt seine Arbeit, er geht darin förmlich auf. Sein Chef schätzt seinen Einsatz und honoriert sein Engagement mit Anerkennung und einem guten Gehalt.
„Geliebte“ Arbeit. Genauer betrachtet, gingen nicht nur Walters erste und auch seine zweite Frau mit einem anderen Mann fremd, sondern auch Walter hatte eine „Geliebte“ neben seiner jeweiligen Frau – seine (geliebte) Arbeit nämlich. Er gesteht sich nun ein, dass er seine Arbeit VOR seine Partnerinnen gereiht hat und viel zu wenig Zeit und Energie für seine Beziehungen hatte. Die Erfahrung zeigt, dass jede Ehe in Brüche geht, wenn sie nicht genug gepflegt und mit Energie und Zeit bedacht wird. Es ist eine richtige Kunst, diesen Drahtseilakt zwischen Arbeitseinsatz und Beziehungspflege zu gestalten.
Mehrere Standbeine. Walter bezieht seine Energie und Anerkennung vorwiegend aus der Arbeit. Wenn ihm dazu eine befriedigende Beziehung zu seiner Frau und zu den Kindern gelingt, kann er auch daraus Kraft und Freude schöpfen. Er gewinnt damit mehrere Standbeine, die ihn in schwierigen Zeiten tragen können – zum Beispiel wenn es einmal in der Arbeit nicht so gut läuft oder die Pensionierung heranrückt. Männer, denen die Balance zwischen den Rollen als berufstätiger Mann, als Partner und Vater gelingt, fühlen sich meist wohler und bleiben gesünder, was statistisch erwiesen ist. Darüber hinaus werden es ihm seine Frau und seine Kinder danken – nicht mit Geld, sondern mit Zuwendung.
Hilfeschrei. Man ist geneigt, die Außenbeziehung der Frau vorschnell zu verurteilen. Wenn man sie aber als Hilfeschrei deutet: „Wenn du dich weiter so von mir abwendest, wende ich mich jemandem anderen zu!“, könnte es für Walter ein Hinweis sein, endlich mehr für die Beziehung zu tun. Das kann ein wichtiger Impuls für eine neue Zukunft ihrer Ehe sein.
Zuwendung hat Wert. Ich wünsche Walter, dass er den Wert seiner Familie entdeckt, damit er nicht nur den finanziellen Gewinn seiner Arbeit genießen kann, sondern auch die Zuwendung seiner Angehörigen.