Gefangensein, Neuanfang, Schuld und Vergessen – diese Themen gießt der französische Autor und Regisseur Philippe Claudel in Bilder, die den Zuschauer nicht mehr loslassen.
Eine Frau in der Ankunftshalle eines Flughafens. Ihr Blick ist leer, sie scheint schon länger zu warten. Sie raucht, zittert, wirkt nervös, gleichzeitig aber auch seltsam abwesend. In kurzen, in den Vorspann einmontierten statischen Kameraeinstellungen, die von fragmentarisierten Akkorden einer E-Gitarre akustisch begleitet werden, etabliert Philippe Claudel den psychischen Zustand einer Frau, die noch nicht in der Gegenwart angekommen ist. Als Fremdkörper wird Juliette die Räume, die sie umgeben, in weiterer Folge durchqueren. Am Ende des Films wird sie sich schließlich nacheiner qualvollen Odyssee durch ihre eigene Psyche und durch die Animositäten einer Verdrängungsgesellschaft zu einem „Ich bin da“ durchringen. Wie die britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas diese Figur anlegt, muss im heurigen Kinojahr schlichtweg als konkurrenzlos bewertet werden. Das Regiedebüt von Philippe Claudel komprimiert die wichtigsten Motive des Autors: Gefangensein, Neuanfang, Schuld und Vergessen.
Schwieriger Neuanfang. 15 Jahre lang war Juliette im Gefängnis. Sie hat ihren sechsjährigen Sohn getötet. Seither hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Ihre jüngere Schwester Lèa (Elsa Zylberstein) nimmt sich ihrer an, indem sie sie in ihrer Familie aufnimmt. Der Film beleuchtet auf sehr behutsame Weise die schwierige Reintegration der stigmatisierten Frau, die ihrer Umwelt zunächst misstrauisch und kalt gegenübersteht. Gleichzeitig fungiert sie als Katalysator für die Befreiungsversuche einer Reihe von Menschen, denen sie in den Alltagssituationen begegnet und die ebenfalls Gefangene ihrer Lebensentwürfe, ihrer Vergangenheit oder der kleinbürgerlichen Enge sind. Auch wenn Claudels Film gegen Ende hin den Sentimentalitäten freien Lauf lässt, kann man sich seiner geschickten Dramaturgie nicht entziehen. Diesem Film, oder besser gesagt seiner überragenden Hauptdarstellerin, entkommt man nicht. - Filmeinführung mit Markus Vorauer am Freitag, 19.12., um 21 Uhr im Moviemento, Linz.