Das Gewand des Priesters, der Schutzmantel Mariens, der Trenchcoat von Humphrey Bogart, der Bademantel des Udo Jürgens – und der Mantel des hl. Martin. Immer geht es um mehr als einen Mantel.
Ausgabe: 2016/45
09.11.2016
- Elisabeth Leitner
Der Mantel symbolisiert Macht, Autorität, Wohlstand. Er gibt Auskunft über die soziale Stellung. Er kann Schutz bieten, Wärme spenden und geteilt werden. Eine der bekanntesten Heiligenlegenden ist die Mantelteilung des hl. Martin. Kein christlich geprägter Kindergarten kommt in diesen Tagen ohne Martinsfest aus. Das Erstaunliche daran ist: In dieser Erzählung geht es nicht um ein Wunder, um die Heilung von einer bösen Krankheit, niemand wird vom Tode erweckt. Es geschieht etwas Unspektakuläres: Ein römischer Soldat teilt seinen Mantel mit einem Bettler. Es geht dabei nicht nur um das Durchschneiden des Stoffes: „Hier teilt jemand mehr – viel mehr: Hier teilt jemand seine Autorität, das Teilen wird zur echten Anteilnahme“, sagt Silke Geppert. Sie ist Kunst-, Mode- und Kostümhistorikerin und hat gemeinsam mit Maria Neuhaus das Buch „Schau mir auf den Mantel, Kleines!“ herausgebracht. Darin wird auch eine Aktion mit Schülerinnen beschrieben, auf die das oben gezeigte Foto verweist: Begleitend zur Aufführung eines Martin-Musicals wurden Menschen aus der Region gebeten, ein Kleidungsstück mit Geschichte zu bringen. Daraus entstand ein riesiger Mantel und eine berührende Textsammlung. Menschen erzählen darin von ihren Lieblings-Kleidungsstücken und was diese für sie bedeutet haben. Der Mantel wurde bei den Musicalaufführungen ausgestellt und erinnert daran, was passieren kann, wenn Menschen beginnen zu teilen, beginnen sich mitzuteilen.
Der Mantel des hl. Martin ist ein Symbol für Mitmenschlichkeit: damals wie heute. Er lebt vom Teilen, Mitfühlen, Mitteilen und Anteilnehmen.
Buchtipp: Schau mir auf den Mantel, Kleines! Von Mänteln und Teilen, Silke Geppert, Maria Neuhaus (Hg.), Bonifatius Verlag 2016, € 14,90.