Ken Loachs neuer Film „I, Daniel Blake“, heuer in Cannes mit der Goldenen Palme prämiert, erzählt eine emotional bewegende Geschichte über einen Arbeiter, der in die Mühlen staatlicher Bürokratie gerät.
Ausgabe: 2016/45
09.11.2016
- Markus Vorauer
„Schaffen Sie es 50 m ohne Hilfe zu gehen?“ „Ja.“ „Können Sie die Arme heben, als ob Sie einen Hut aufsetzen würden?“ „Ich habe diese Frage schon auf Seite 52 Ihres Fragebogens beantwortet. Ich habe keine Probleme mit Armen und Beinen. Mein Problem ist mein Herz. Lesen Sie die Anmerkungen meiner Ärztin!“ – Diese und ähnliche Fragen muss der Tischler Daniel Blake (großartig gespielt von Dave Johns) einer „Gesundheitsdienstleisterin“ beantworten, damit sein Sozialhilfeanspruch geklärt werden kann. Nach einem Herzinfarkt hat ihm die Ärztin dringend davon abgeraten, wieder zu arbeiten. Die Sozialhilfe wird ihm verweigert, weil er als arbeitsfähig eingestuft wird, und Arbeitslosengeld steht nur Gesunden zu. Der neue Film des mittlerweile 80-jährigen Ken Loach erzählt von den kafkaeske Züge annehmenden Versuchen Blakes, dieses Geld, das ihm, der zeitlebens gearbeitet und Steuern bezahlt hat, zusteht, ausbezahlt zu bekommen. Loach, der noch 2014 beschlossen hat, keine Filme mehr zu drehen, hat seine Entscheidung geändert, als David Cameron zum Premierminister gewählt wurde und damit die soziale Kälte in England einen neuen Höhepunkt erreichte. Sein 27. Langfilm setzt ein formidables Drehbuch von Paul Laverty schnörkellos in eine emotional berührende Geschichte um, die gnadenlos die bürokratische Willkür staatlicher Macht beleuchtet. Der Film zeigt exemplarisch, was es bedeutet, als Endfünfziger gesundheitliche Probleme zu bekommen und traditionelle Arbeitsstrukturen gewohnt zu sein.
Gelebte Solidarität
Blakes verzweifelte Versuche, die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen, nehmen nach und nach absurde Züge an. Von endlosen Warteschleifen im Telefonnetz des Arbeitsamtes über das Ausfüllen von Online-Formularen bis zu Aufträgen, für die er sich 35 Stunden in der Woche um einen Job bemühen muss, den er gar nicht annehmen darf, reichen die Schikanen, die ihm aufgebürdet werden. Ganz nebenbei erzählt der Film wie immer bei Loach von der Solidarität unter den sozial Schwachen. Ein immens wichtiger Film, in Zeiten, in denen auch bei uns wieder von Sozialabbau gesprochen wird.
Filmgespräch mit Markus Vorauer: am Freitag, 25. November 2016 um 21 Uhr im Moviemento Linz.