15 von 100 Erwachsenen können nicht ausreichend lesen, schreiben oder rechnen.Niemand sieht es. Niemand spricht darüber. „Wir schon!“ – So knapp und aussagestark präsentiert das Salzburger Netzwerk Basisbildung mit der ersten österreichweiten Ausstellung hinlänglich bekannte Befunde.
„Erwischt war gestern. Basisbildung: die beste Entscheidung“ lautet der Titel der Ausstellung, die von Brigitte Bauer, Leiterin des Salzburger Netzwerks Basisbildung, organisiert wird. „Jedes Jahr gehen wir vom Basisbildungszentrum abc-Salzburg am Weltalphabetisierungstag am 8. September an die Medien. Noch immer herrscht großes Erstaunen darüber, dass in Österreich Schulabsolvent/innen nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können.“ Abwehr der Ergebnisse der PISA-Studien stehen auf der einen Seite, auf der anderen Seite – bei den Betroffenen – dominiert die Scham über das Manko.
Nur faul. Die Wanderausstellung verbindet Informationen mit Gefühlen. „Ich war ein schwieriger Schüler, aber ich war nicht dumm, nur faul und sehr, sehr ungern in der Schule“, ist auf einer der Hörstationen der Ausstellung von einem Kursteilnehmer zu erfahren. Die Betroffenen äußern sich gnadenlos ehrlich und mit der Hoffnung, die gesteckten Ziele, Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen, zu erreichen.
Panik im Alltag. Wolfgang K. hat über das Radio vom Kursangebot erfahren. Zwar kann der 32-jährige Hilfsarbeiter seinen Namen schreiben, die Adresse hingegen nicht mehr. Er will Lesen und Schreiben lernen, später einmal vielleicht auch den Hauptschulabschluss nachholen. Jeder Medikamentenbeipacktext, jede Straßenkarte, die Anmeldung bei einer Ambulanz, jedes Formular versetzt ihn in Panik.
Im Abseits. „Geringer qualifizierte Menschen geraten schnell ins Abseits. Sie ziehen sich zurück und meiden im Privaten, aber auch im Arbeitsleben alle Situationen, in denen sie mit ihren Defiziten auffliegen könnten“, fasst Brigitte Bauer ihre zehnjährige Erfahrung zusammen. „Bisher habe ich mich immer vor Schulungen in der Firma drückenn können. Als es das letzte Mal so weit gewesen wäre, bin ich zum Glück krank geworden“, erzählt der Kursteilnehmer Franz R. Die 27-jährige Katharina M. auf die Frage: „Was bedeutet für Sie schreiben?“ – „Wenn man es richtig kann, hat man mehr Selbstvertrauen.“
Eine Ansichtskarte schreiben. Eines der Sehnsuchtsbilder der Lernenden ist es, einmal eine Ansichtskarte ohne Fehler schreiben zu können. Eine Teilnehmerin kommt mit dem Ziel, nun wenigstens der Enkelin vorlesen zu können, bei den eigenen Kindern hätte sie sich noch mit Ausreden davor gedrückt. Die Mitarbeit der Kursteilnehmer/innen an der Wanderausstellung zeigt sich auch in der Station 9: „Brille vergessen? Die Top 5 der Ausreden“. Wenn die Energie, die bisher ins Verstecken geflossen ist, schließlich ins Lernen, Üben und vor allem ins Lernen-Lernen fließt, steigt mit der Kompetenz auch die Selbstsicherheit. So klingt Lebensfreude: „Geschafft – ich bin wöchentlich 140 Kilometer für 26 Buchstaben gefahren, heute könnte ich die Welt umarmen.“
PISA für Erwachsene. Haben die Öffentlichkeit und die Politik lange Zeit den Befund, dass in Österreich mindestens 300.000 Erwachsene nicht lesen und schreiben können, als „nicht bewiesen“ abgetan, beginnen im heurigen Herbst in Österreich die Vorbereitungen der OECD-Studie PIAAC (Programm for the International Assessment of Adult Competencies), einer Art PISA-Studie für Erwachsene. Damit ist ein Schritt in die richtige Richtung getan. Brigitte Bauer dazu: „Wir sprechen nicht von Analphabeten, sondern von Menschen mit Basisbildungsbedarf.Zugang zur Basisbildung ist kein Almosen oder Zuckerl, es ist ein Grund-, ein Menschenrecht. Auch in Österreich, denn die Zeiten, als nicht sein kann, was nicht sein darf, sind zum Glück vorbei. ,Erwischt’ war wirklichgestern.“
- Die Wanderausstellung „Erwischt war gestern. Basisbildung: die beste Entscheidung“ kann österreichweit gebucht werden. Nähere Information: Tel. 08 /1020 08 10, E-Mail: office@abc.salzburg.at, Homepage: www.alphabetisierung.at쇓