Margarethe von Trottas neuer Film ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich Biographien prominenter historischer Persönlichkeiten nur bedingt für die Kinoleinwand eignen. Der Film „Vision“ über das Leben und Wirken Hildegards ist leider nicht visionär.
Trottas Beschäftigung mit Hildegard von Bingen reicht bis in die 70er-Jahre zurück, in die Zeit der Frauenbewegung, als man nach weiblichen Vorbildern in der Vergangenheit gesucht hat. Hildegard von Bingen war eine Referenzfigur für die Bewegung, eine Frau, die Geschichte nicht erlitten, sondern selbst aktiv gestaltet hat. Als durch die Renaissance ihrer Musik und durch ihr heilkundliches Wissen ihr Name in den 90er-Jahren wieder verstärkt in den öffentlichen Fokus rückte, entstand zum ersten Mal die Idee eines Filmprojektes, das nun durch die Beharrlichkeit des Produzenten Markus Zimmer umgesetzt wurde.
Äbtissin, Visionärin, Komponistin. Barbara Sukowa, mit der Trotta schon einige Male zusammengearbeitet hat, verkörpert jene Frau, die als Heilkundige, Seherin, Äbtissin und Komponistin im Mittelalter ihren ungewöhnlichen Weg ging. Im Eilzugstempo wird die Kindheit der aus einer adeligen Familie stammenden Hildegard von Bingen durchlaufen. Als Achtjährige kommt sie ins Benediktinerkloster Disibodenberg, wo der strenge Abt Kuno (Alexander Held) die Fäden zieht. Ihre Mentorin wird Jutta von Sponheim (Mareile Blendl), die sie vor allem in musikalischen Belangen fördert. In der Folge werden der Aufstieg, aber auch die Tiefschläge wie in einem Stationendrama präsentiert: die freundschaftlichen, aber auch von Missgunst geprägten Beziehungen zu Jutta (Lena Stolze), die Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer Visionen, die allen Widerständen zum Trotz abgerungene Erlaubnis, ein eigenes Frauenkloster in der Nähe von Bingen am Rhein zu gründen, ihr Wirken als Äbtissin und Heilkundige, der Widerstand, den sie in der Kirche auslöst, und die persönlichen Krisen, die sie durchlebt.
Dialoglastig. Das dramaturgische Prinzip ist klassisch: Durch Totaleinstellungen und Schriftinserts wird man räumlich und zeitlich von einer Station zur anderen geführt. Dazwischen wird dialoglastig der konfliktbeladene Parcours der Hauptfigur geschildert. Trotzdem bleibt das Gezeigte in einer seltsamen Distanz. In der Filmtheorie wird dafür der Begriff der „schwachen Narration“ verwendet, wobei „schwach“ nicht abwertend zu verstehen ist.
Fernsehfilm im Kino. Trotz des Cinemascope-Formats und durchwegs exquisiter Ausleuchtung entspricht der Film vielmehr den narrativen Kriterien eines Fernsehfilms. Das hängt mit der grundsätzlichen Problematik des Genres „Filmbiographie“ zusammen. Es ist das Genre selbst, das zur Falle wird, weil es kaum dramaturgische Freiheiten zulässt, wenn anderseits historische Genauigkeit angestrebt wird. Die Filmbiographie zwingt förmlich dazu, in ein Niemandsland zwischen Spiel- und Dokumentarfilm zu geraten. Historische Genauigkeit kann eben auch Langeweile erzeugen. Am Ende von Margarethe von Trottas Film überkommt einem das Gefühl, dass man mit gleichem Gewinn auch eine Biographie über diese faszinierende Persönlichkeit hätte lesen können.