Tagung der Initiative Christlicher Orient (ICO) über die Lage der koptischen Christen in Ägypten
Ausgabe: 2009/38, Kirchenmotor, Wolfram Reiss, Religionswissenschaft, Kardinal Walter Kasper, Ökumene, Bischof Kyrillos William, Assiut, Alois Kothgasser, ICO-Tagung, Ägypten
16.09.2009
- Josef Wallner
Dank der Sonntagsschulen sind die Kirchen in Ägypten überaus lebendig. Doch das gesellschaftliche Umfeld macht den zwölf Millionen Christen am Nil zu schaffen: Die fundamentalisten Muslimbrüder gewinnen deutlich an Einfluss.
Noch in den 1930er Jahren war die koptische Kirche tot, erklärt Wolfram Reiss, Experte für die koptischen Christen. Doch innerhalb weniger Jahre entfaltete das Institut der „Sonntagsschulen“ eine Dynamik, die die Situation völlig umkehrte. Eine Handvoll begeisterter Studenten gab einfach an die Kinder in einigen Pfarren bei Kairo weiter, was sie in einem theologischen Kurs für Laien gelernt hatten. Einige Priester in Kairo stießen dazu und so entstand eine Bewegung, die sich lawinenartig ausbreitete. Die Sonntagschule ist heute der Motor der koptischen Kirche und gibt ihr ein jugendliches Gesicht.
Die Zuhörabteilung der Kirche. Da der Sonntag im muslimischen Ägypten ein Werktag ist, findet die Sonntagsschule in der Regel freitags statt. Die Kinder und Jugendlichen kommen zur Kirche und werden mit dem Glauben und der Bibel vertraut gemacht – oft in spielerischer Form. Heute hat die koptische Kirche einen eigenen Jugendbischof mit einem großen Mitarbeiterstab, der Programme und Vorlagen ausarbeitet. Diese entstehen aber nicht am Grünen Tisch. Eine eigene Abteilung des Jugendbischofs-Amtes beschäftigt sich nur mit dem Zuhören. Sie redet mit Kindern und deren Leitern und erhebt die Probleme, die sie haben.
Sonntagsschule macht selbstbewusst. Die Sonntagsschule schafft unter den Christen Selbstbewusstsein und Identität. Sie hat auch die alleinige Konzentration auf die Liturgie aufgebrochen und der Diakonie in die Kirche wieder Platz gegeben, bilanziert Wolfram Reiss. Wie in der koptisch-orthodoxen Kirche ist es durch die Sonntagsschulen auch in der koptisch-evangelischen und der koptisch-katholischen Kirche zu einem Aufschwung gekommen. Wir haben genügend Priester freut sich Bischof Kyrillos William von Assiut, einer Stadt 500 Kilometer südlich von Kairo. Auch die Zahl der Laienstudenten, die abends das Theologische Institut besuchen, nimmt jährlich zu.
Ungewisse Zukunft. Was leider auch zunimmt, ist die religiöse Intoleranz der Muslime, bedauert der Bischof: „Die Fronten haben sich in den letzten Jahren sehr verhärtet“. Bichof Kyrillos weist auf die bittere Armut und die hohe Arbeitslosigkeit hin, die vor allem in Oberägypten herrschen. Die Bevölkerung Ägyptens (80 Millionen Einwohner) wächst jährlich um 1,2 Millionen Menschen. Da kann kein staatliches Entwicklungsprogramm mithalten. Diese Perspektivenlosigkeit macht empfänglich für radikale muslimische Parolen. Vom Westen erbittet der Bischof Gebete und Solidarität: „Den Rest regeln wir uns selbst“. Seine Sorge über die Zukunft kann er dennoch nicht verbergen. Niemand weiß, wer nach dem heute 80-jährigen Präsidenten Hosni Mubarak die Macht in Ägypten übernehmen wird. Die Muslimbrüder stünden bereit. Bischof Kyrillos sagt selbstbewusst: „Wir wollen vom Frieden Zeugnis geben, den Christus uns gebracht hat“.
Zur Sache
Christen in Ägypten
Von den achtzig Millionen Einwohnern Ägyptens sind rund 10 Millionen Christen. Ihr Name Kopten leitet sich aus der arabischen Bezeichnung für Ägypten ab. Die koptisch-orthodoxe Kirche sieht im Evangelisten Markus ihren Gründer. Die Kopten spalteten sich nach dem Konzil von Chalcedon (451) von der byzantinischen Reichskirche ab. Nach einer wechselvollen Geschichte hat die koptisch-orthodoxe Kirche im 20. Jahrhundert einen enormen Aufschwung genommen, der sich unter anderem in der Revitalisierung des Mönchtums zeigt. Die mit Rom unierte koptisch-katholische Kirche zählt 250.000 Gläubige, ebensoviel die koptisch-evangelische Kirche.
Ökumene als Kunst
Der römische Kurienkardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, referierte am 14. September 2009 in Salzburg über den Dialog mit den orientalischen Kirchen: „Ökumene ist nicht Diplomatie, sie ist auch keine Technik, sie ist eine Kunst, nämlich die Kunst, Misstrauen zu überwinden, Vertrauen aufzubauen und Freundschaft zu stiften. Man kann Schismen nur überwinden, wenn es Vetrauen gibt“.