Wie fühlt sich ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist? Wie ist ihm zumute, wenn das Gedächtnis nachlässt, die Sprache verarmt, die räumliche Orientierung plötzlich fehlt? Ursula Schmid hat versucht, in ihrem Buch „Seelen Spiegel Bilder“ diese Gefühle verständlich zu machen.
„Schwester, Schwester“, ruft die alte Dame. Sie wiederholt sich ständig, immer wieder in demselben Wortlaut. Auf das Rufen der Seniorin kommt stets eine Antwort. Gleich darauf wird erneut intensiv die „Schwester“ verlangt. Solche Szenen sind Ursula Schmid vertraut. Bei ihrer Arbeit im sozialen Dienst im Altenheim St. Elisabeth in Bensheim/Deutschland hat die Fachkraft für Gerontopsychiatrie täglich mit demenzkranken Menschen zu tun.
Verworrene Gefühlswelt. Die Diagnose Demenz leitet sowohl für die Betroffenen als auch für die Menschen in deren Umfeld eine schwierige Phase ein, die das Leben völlig verändert. So versuchte Ursula Schmid einen Weg zu finden, die Krankheit Demenz besser verständlich zu machen. Folglich hat sie ihre Beobachtungen, die sie im Laufe der Jahre mit Demenzkranken gemacht hat, in Buchform festgehalten. Die berührenden Texte gehen ans Herz und geben Einblick in die verworrene Gefühlswelt von Betroffenen und Angehörigen. Emotionale Zustände wie etwa „ich fühle mich jetzt ängstlich und verloren, in einer ganz anderen Zeit wie ihr, wollte ich einfach ausdrücken“, erzählt Schmid.
Statistik. Je höher die Lebenserwartung der Bevölkerung, desto stärker nimmt die Zahl der Personen, die mit über 60 Jahren an Demenz erkranken, zu. Laut aktuellen Studien leiden in Deutschland 1,2 Millionen Menschen an Demenz. Bis ins Jahr 2050 sollen es bereits 2,2 Millionen sein. In Österreich gibt es rund 100.000 Demenzkranke. Bis 2050 soll die Zahl auf 270.000 steigen.
Respekt. Im Altenheim Bensheim betreut Ursula Schmid gemeinsam mit ihren Kollegen/innen insgesamt 60 Leute mit zunehmendem Verlust der geistigen Fähigkeiten. „Es muss stets darauf geachtet werden, eine klare Tagesstruktur zu haben, die immer wiederkehrt und den Leuten Halt gibt.“ Neben der Betreuung der Bewohner/innen in Einzel- oder Gruppenangeboten ist Schmid auch zuständig für die Einarbeitung von neuen Mitarbeitern. Ihnen gibt sie folgenden Rat: „Man erlebt den Menschen mit 80 Jahren, teils schwer verwirrt. Viele Dinge funktionieren nicht mehr, etwa in der Sprache oder beim Essen. Deshalb müssen wir uns bewusst machen, dass dieser Mensch 80 Jahre lang sein Leben schon gelebt und viel geleistet hat. Egal wie, ob als Hausfrau, ob im Beruf, ob die Kriegsjahre überlebend. Ich versuche den Leuten klarzumachen, dass man den Menschen mit seiner Lebensleistung dahinter sehen muss und dass wir ihm mit Respekt begegnen müssen, egal wie krank, hilflos und für uns verwirrend er sich jetzt verhält. Es war ja einmal anders“, erklärt Ursula Schmid. Und weil es „einmal anders“ war, ist im Bensheimer Altenheim die Biographiearbeit enorm wichtig. „Wir erarbeiten Fotobücher zusammen mit den Betroffenen und zum Teil auch mit deren Angehörigen. In diese Bücher kommen allerlei Fotos aus dem Leben der alten Leute. Daten werden gesammelt und Ereignisse vermerkt, die der Mensch erlebt hat, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Das gibt schöne Einblicke auf die Person, auch für jemanden, der ihn noch nicht so gut kennt.“ Trotz der vielen stressigen Situationen liebt Ursula Schmid ihre Arbeit. „Man lernt eine Menge von den Leuten und sie geben einem so viel zurück.“
Zur Sache
Demenz
Im Vorwort ihres Buches „Seelen Spiegel Bilder“ schreibt Ursula Schmid über die Krankheit Demenz, es sei „eine erschütternde, das Leben total auf den Kopf stellende Diagnose. Betroffen sind neben der erkrankten Person alle Menschen ihres Umfeldes. An diese Menschen – Angehörige, Freunde, Pflegekräfte – richten sich die Texte. Sie befassen sich nicht mit dem medizinischen Verlauf, sondern versuchen einzig und allein den inneren Aufruhr und das Wechselbad der aufkommenden Gefühle in Worte zu fassen, Verständnis für Unverständliches zu wecken, wohl wissend, dass ein nicht betroffener gesunder Mensch die Wirklichkeit immer nur erahnen kann“, so Schmid.
Nachfolgend ein Textauszug: „Meine Mutter lacht, weint, schmollt, ist wütend, glücklich, hungrig oder satt, fühlt sich ängstlich oder geborgen. Ist zeitweise ganz in ihrer eigenen Welt versunken. Alle Ideen, die ihr in den Kopf kommen, müssen jetzt und sofort umgesetzt werden! Lügen oder verstellen kann sie sich nicht, hat vergessen, wie das geht. Die Welt ist grau und voller Unbekannter, muss zum Teil mit allen Sinnen ,begriffen‘ werden. Sie ist bemüht, mir vieles mitzuteilen – immer häufiger fehlen die Worte.
An jedem Tag geht unwiederbringlich ein Stück Identität verloren.
Ich liebe meine Mutter, bin unendlich traurig und voller Angst, sie auf ihrem Weg ins Vergessen zu begleiten.“
- Buchtipp: „Seelen Spiegel Bilder“ von Ursula Schmid. Verlag „edition nove“ als Book on Demand, 2008. Euro 14,50.