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Aus der Not wachsen nicht bloß Notlösungen

In vielen Pfarrgemeinden hat die Zukunft schon begonnen
Ausgabe: 2009/39, Not, Notlösungen, Ehrenamt, Ehrenamtliche, Pfarrgemeinde, Pfarrgemeinden, Pfarrleitung, Arbeitsstelle für Gemeindeentwicklung, Seelsorgeträume, Seelsorgeräume, Diözese Linz, Josef Pesendorfer, Pergkirchen, Zukunft, Diakon Karl Eller, Gudrun Guer
23.09.2009
- Hans Baumgartner
„Lösungen in der Not sind nicht bloß Notlösungen.“ So beschreibt der Linzer Generalvikar Severin Lederhilger die Bemühungen , auch in Zeiten des Priestermangels eine menschennahe Seelsorge zu betreiben. Nicht nur in Linz, auch in anderen österreichischen Diözesen sucht man neue Formen überpfarrlicher Zusammenarbeit.

In knapp zehn Jahren werden in der Diözese Innsbruck nur mehr 70 Priester für die Seelsorge in den 286 Pfarren und Seelsorgestellen zur Verfügung stehen. Während sich in Deutschland eine Reihe von Diözesen entschlossen hat, angesichts des wachsenden Priestermangels Großpfarreien zu bilden, geht Österreich – zumindest bisher – einen anderen Weg. Man schätzt das gewachsene soziale Gefüge einer Pfarrei als bevorzugten Ort für die Beheimatung des Glaubens und für eine menschennahe Seelsorge. Kirche ist dort als Ort des Heils, als Sakrament, erfahrbar, wo es Menschen in Ruf- und Reichweite gibt, an die man sich in Fragen des Lebens und des Glaubens wenden kann, die dafür sorgen, dass der Glaube verkündet, gelebt und gefeiert wird, sagt der Pastoraltheologe Paul Zulehner.

Neue Wege. In den Diözesen Österreichs gibt es unterschiedliche Wege, um die Pfarrseelsorge trotz wachsenden Priestermangels aufrecht zu erhalten bzw. zu beleben. Klare Entscheidungen über den Weg in die Zukunft haben bisher die Diözesen Linz, Salzburg und Innsbruck getroffen – mit der Schaffung von Seelsorgeräumen und der Errichtung neuer Ämter (Dienste), die an der Leitung der Pfarre beteiligt sind, gemeinsam mit dem zuständigen und letztverantwortlichen Priester. Die Personalplanung der Diözesen wird Schritt für Schritt auf dieses Konzept hin entwickelt. „Das Ziel ist, so viel Eigenständigkeit wie notwendig, um ein lebendiges Pfarrleben entwickeln zu können, und soviel Zusammenarbeit im Seelsorgeraum, wie das bei den unterschiedlichen Gegebenheiten sinnvoll ist“, sagt Gudrun Guerrini. Für die Fachreferentin für Seelsorgeräume der Diözese Innsbruck ist das eine „spannende Gratwanderung“.

Auch eine Chance. In allen drei Diözesen wurden die Seelsorgeräume nach ausführlichen Diskussionen in den Dekanaten geplant. In Linz und Salzburg wurden sie dann vom Bischof in Kraft gesetzt. Die Pfarren lernen nun, oft recht engagiert, manchmal auch zögerlich, die Zusammenarbeit. In Innsbruck werden die 77 geplanten Seelsorgeräume jeweils durch ein Dekret des Bischofs errichtet (bisher 26), wenn die Vorarbeiten und die Umstände (Pfarrerwechsel etc.) es möglich und sinnvoll machen. Dabei wird der Priester zum Pfarrer aller Gemeinden eines Seelsorgeraumes bestellt. „Unser Ziel ist es auch, in jeder Pfarre des Seelsorgeraumes Personen zu beauftragen, die in Zusammenarbeit mit dem Pfarrer Leitungsaufgaben vor Ort wahrnehmen“, sagt Guerrini. Im Idealfall sind das Pfarrkurator/innen (theologisch ausgebildet) bzw. Pfarrkoordinator/innen oder – oft in kleineren Pfarren – auch ein Mitglied des Pfarrgemeinderates. „Die Seelsorgeräume kommen aus einer Not, sie sind aber nicht nur eine Notlösung“, teilt Guerrini die Sicht des Linzer Generalvikars. Oftmals führen sie zu einem richtigen Energieschub bei den Pfarrgemeinderäten, die sich neu herausgefordert und verantwortlich fühlen. In vielen Seelsorgeräumen haben sich auch pastorale Teams entwickelt, die einander stützen und motivieren. Und es gibt zunehmend Aktivitäten die man gemeinsam macht, von Ausflügen bis zur Firmvorbereitung, von gemeinsamen Schulungen und spirituellen Angeboten für Mitarbeiter bis zu neuen liturgischen Feiern.\"



Zur Sache


Ehrenamtliche in der Pfarrleitung

„Seelsorge(t)räume.“ Unter diesem Titel trafen sich auf Einladung der „Arbeitsstelle für Gemeindeentwicklung“ zu Beginn dieser Woche 40 in der Seelsorge und in pastoralen Führungsämtern tätige Frauen und Männer aus allen Diözesen Österreichs. Im Zentrum der Gespräche standen neue Funktionen und Rollen in der Pfarrseelsorge. Am Freitag wird in Oberösterreich das Buch „Kirche bleiben im Nahbereich“ (Wagner-Verlag) vorgestellt. Es geht darin um pfarrliche Leitungsmodelle mit Beteiligung Ehrenamtlicher.

In der Diözese Linz gibt es seit dem Jahr 2002 Modelle, bei denen ehrenamtliche Mitarbeiter gemeinsam mit dem zuständigen Priester an der Leitung der Pfarre beteiligt sind, berichtet Monika Heilmann. 32 Pfarren haben sich bereits zu diesem Schritt entschlossen. In den meisten Fällen sind es so genannte „Seelsorgeteams“ von drei bis fünf Frauen und Männern, die dafür sorgen, dass die vier Grundaufträge der Gemeinde (Verkündigung, Liturgie, Diakonie/Caritas und Koinonia/Gemeinschaft) gelebt werden. In manchen Pfarren nimmt diese Leitungsaufgaben auch der Pfarrgemeinderat wahr. „Die Seelsorgeteams sind für unsere Pfarren eine Lebensnotwendigkeit. Da kann ich auch mit meinen 70 Jahren noch sinnvoll als Priester wirken“, sagt Josef Pesendorfer, Pfarrer von Feldkirchen und Goldwörth. Marianne Tauber vom Seelsorgeteam Pergkirchen freut sich, dass „unsere Arbeit von den Leuten so gut angenommen wird und wir ein lebendiges Pfarrleben haben. Wir arbeiten gut mit unserem Pfarrprovisor Konrad Hörmannseder zusammen; dass es vor Ort läuft, darauf müssen wir schauen, gemeinsam mit dem Pfarrgemeinderat.“



Das Miteinander ist auch ein Schatz


Seit zehn Jahren ist Diakon Karl Eller als Pfarrkurator tätig, seit drei Jahren in Kranebitten im Seelsorgeraum Innsbruck West.

Als Pfarrkurator (in Oberösterreich heißen sie Pfarrassistenten) ist Diakon Karl Eller dafür zuständig, dass das Pfarrleben läuft. Er sieht sich dabei nicht bloß als Organisator, sondern auch als Seelsorger. „Es ist wichtig, dass Menschen, die ins Pfarrhaus kommen oder anrufen, auch einen Gesprächspartner vorfinden, mit dem sie über Glaubens- und Lebensfragen sprechen können, über ihre Trauer, Krisen oder Hoffnungen.“ Um für die Menschen dazusein – in ihren geistlichen und materiellen Bedürfnissen – dazu sei er Diakon geworden, sagt Eller. „Aber“, so betont er, „ich bin kein Solist. Mir ist wichtig, dass die Leute spüren, dass ihre Mitarbeit gefragt ist, dass es auch an ihnen liegt, ob in der Pfarre etwas los ist.“ Die Begleitung von Runden und Gruppen ist ihm daher ebenso wichtig wie ein Einbindung von Männern, Frauen oder Jugendlichen bei der Vorbereitung von liturgischen Angeboten. Taufen oder Trauungen hält Eller nur, wenn er die Leute auch vorher vorbereitet hat. „Ich wehre mich dagegen, nur ein ,Sakramentenkleriker‘ zu sein.“

Ein Team. Die ersten sieben Jahre hat Eller seine Aufgabe gemeinsam mit einem Pfarrmoderator (mitbetreute Pfarre) ausgeübt. Seit drei Jahren ist er in Kranebitten im Verbund eines Seelsorgeraums mit der großen Innsbrucker Pfarre Allerheiligen tätig. „Was die direkte Pfarrarbeit angeht, ist der Unterschied nicht so groß“, meint er. „Aber ich schätze es sehr, dass ich jetzt weniger auf mich allein gestellt bin. Wir haben wirklich ein tolles Team im Seelsorgeraum, in dem sich die Hauptamtlichen und die beiden Obleute unserer Pfarrgemeinderäte alle zwei Wochen treffen. Das dient nicht nur einer guten Abstimmung der Arbeit, sondern auch dem lebendigen Austausch von Ideen und der gegenseitigen Stützung und Ermutigung.“

Zwei Beine. „Wichtig ist uns, dass die beiden – sehr unterschiedlichen – Pfarren das, was sie vor Ort an Diensten, Gruppen, Bibelgesprächen oder zusätzlichen liturgischen Feiern brauchen, selber auf die Beine stellen. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Bereiche, wo wir zusammenarbeiten.“ Als Beispiele nennt Eller die Begleitung der Firmvorbereitung, die Fahrt der Jugend nach Assisi, die überpfarrlich tätige Vinzenzgemeinschaft, die Gemeinschaft „Glaube und Licht“ für Behinderte und deren Angehörige. „Die Zusammenarbeit ist, auch dank Pfarrer Franz Troyer, wirklich eine Bereicherung.“ Gleichzeitig aber ist Eller überzeugt, dass jede Pfarre eine pastoral und theologisch kompetente Leitung vor Ort braucht.



Wenn der Diözesanbischof wegen Priestermangels glaubt, einen Diakon oder eine andere Person, die nicht die Priesterweihe empfangen hat, oder eine Gemeinschaft von Personen an der Wahrnehmung der Hirtensorge (cura pastoralis) einer Pfarrei beteiligen zu müssen, hat er einen Priester zu bestimmen, der, mit den Vollmachten und Befugnissen eines Pfarres ausgestattet, die Seelsororge leitet. CIC, Can 517§2



Die Wege der Pfarrgemeinden

Die Diözese Feldkirch hat im Herbst 2008 das Pastoralgespräch „Die Wege der Pfarrgemeinden“ gestartet. In drei Diözesanforen, zahlreichen regionalen Zusammenkünften und zwei Klausuren der diözesanen Räte sollen dabei konkrete Antworten für die künftige pastorale Arbeit gefunden werden. Ausgangspunkt ist der Priestermangel und die Veränderungen im pfarrgemeindlichen Leben. Pastoralamtsleiter Walter Schmolly spricht von zwei „öffentlichen diözesanen Lernprojekten. Das eine ist die Frage nach Rollen und Struktur-Modellen in und für die Pfarrgemeinden. Das zweite sind (theologische) Orientierungsbilder für die Wege der Pfarrgemeinden in den Veränderungen.“ Am Pfingstmontag 2010 werden die Ergebnisse vorgestellt, nach denen die Diözese Feldkirch ihre Pastoral entwickeln will.
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