„Mediation“ das verbinden die meisten mit „Scheidung“. Doch Mediatorinnen und Mediatoren begleiten verschiedenste Konflikte – vom Nachbarschaftsstreit bis zum Mobbing in der Firma.
Der Baum des Nachbarn ragt über das Grundstück und stört. Der Nachbar sagt. „Der Baum bleibt da.“ Der Baum macht Schatten, im Herbst macht er Arbeit, weil Laub in den Garten fällt. Aus dem Raunzen wird ein Streiten. Bis schließlich der Baum eingeht, weil ihn der erste Nachbar mit Benzin übergossen hat.
Verfahrene Situation. „Niemand will nachgeben, weil er Angst hat, sein Gesicht zu verlieren“, so sieht das Mediator Gerhard Habring aus. Konflikte wie diesen gibt es immer wieder. Außenstehende schütteln machmal den Kopf, worüber Nachbar/innen streiten. Nicht selten landen solche Situationen vor Gericht, weil eine der Konfliktparteien Anzeige erstattet hat. Lösungen sind dadurch kaum zu finden. Die Sache wird nur immer teurer, weil Anwälte und Gerichtsverfahren Geld kosten.
Zuerst hören. Bei der Geschichte mit dem Baum würde ein/e Mediator/in erst einmal beide Konfliktparteien anhören. Es stellt sich heraus, dass der Nachbar den Baum zur Geburt eines Kindes gepflanzt hat. Er sieht in ihm nicht nur den Baum. Er hat symbolischen Charakter. Das kann er aber zuerst nicht zeigen, denn das würde ihn verletzbar machen. Beim ersten Nachbarn stellt sich heraus, dass es nicht allein die Arbeit mit dem Laub ist, die ihn stört. Es geht in Wirklichkeit um Selbstbestimmung – „Ich mache in meinem Garten Arbeiten, die ich mir selbst überlege, und nicht Arbeiten, die mir von woanders erteilt werden.“
Unbeteiligter Dritter. „Hinter festgefahrene Standpunkte zu blicken, darum geht’s“, erklärt Mediator Habring. „In solchen Situation werde ich alles versuchen, Verständnis zu erzeugen.“ Jede Konfliktpartei erzählt ihre Sicht der Dinge einem unbeteiligten Dritten. Das funktioniert leichter als gegenseitig. „Und ich werde so lange nachfragen, bis ich das verstehe, was sich jeder wirklich wünscht und welche Bedürfnisse er hat“, so Habring weiter.
Lösung finden. Der Baum im Nachbarschaftskonflikt ist vernichtet, trotzdem soll eine Lösung gefunden werden. „Da geht es darum zu sehen, welche Konsequenzen mein Handeln gehabt hat“, sagt der Mediator. „Wenn ich sehe, meinem Nachbarn ist das nicht egal – bin ich selbst traurig über die begangene Tat.“ Als Mediator sieht er dann seine Aufgabe darin, den Parteien zu helfen, diese Trauer zuzulassen und Wege für die Zukunft zu finden. Dafür müssen sie aufhören, einander Schuld zu geben. Wenn der eine Nachbar nur sieht, dass der andere ihm mit diesem Baum unnötig Arbeit macht, kann er nicht erkennen, dass der seinem Kind einen Baum pflanzen möchte.
Ohne Bewertung. „Wenn ich gewohnt bin zu bewerten, mache ich mir auch schnell ein Urteil über den anderen“, meint Gerhard Habring. Der Nachbar sieht hinter dem Baum, der ihn stört, womöglich eine böse Absicht des anderen. Und der ärgert sich über den Nachbarn, der immer grantelt. Wenn jemand den anderen versteht, heißt das nicht, dass er mit dessen Handeln auch einverstanden ist. Wegkommen von dieser Bewertung, das möchte Gerhard Habring auch ausdrücken mit seinem Leitspruch: „Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“
Zur Sache
Mediation
- Das Wichtigste in der Mediation ist, dass die Konfliktparteien bereit sind, in Mediation zu gehen. Das muss nicht ganz freiwillig passieren, wie etwa bei Scheidungen, weil dabei die Richterin oder der Richter nahelegt, sich auf diesem Weg einig zu werden, oder wenn Chefs Mitarbeiter/innen in die Mediation schicken.
- Die Beteiligten müssen auch mediationsfähig sein, sie müssen für sich eintreten können. Das erfordert eine große Achtsamkeit, wenn zum Beispiel Kinder einbezogen werden.
- Es gibt auch Personen, die Lust daran haben, zu streiten. Wenn eine Partei nicht bereit ist, eine Einigung zu erarbeiten, kann eine Mediation auch abgebrochen werden.
- In einem Konflikt verliert man oft den Blick auf das, worum es eigentlich geht. In der Mediation sollen Bedürfnisse, die dahinterstehen, erkannt werden.
- Es ist leichter, jemandem Unbeteiligten seine Sicht der Dinge zu erzählen, als sich gegenseitig. „Wenn ich dahinterblicke, werde ich auch sehen, was ich verliere“, davon ist Mediator Gerhard Habring überzeugt. Denn Konflikte können auch zu körperlichen Beschwerden führen oder bis hin zu Burnout. Das ist für Habring eine Grundeinsicht der Mediation: Wir fühlen uns auch wohler, wenn wir zur Bereicherung des Lebens anderer beitragen.
- Wenn das Chaos klarer am Tisch liegt, suchen die Beteiligten selbst nach Lösungsmöglichkeiten. Das können auch kreative und vorerst unrealistische Vorschläge sein. Zum Schluss wird eine Lösungsvereinbarung formuliert, mit der beide einverstanden sind. Sie wird von den Beteiligten und vom Mediator unterschrieben und ist bindend.