Man muss bei der Schlusssequenz beginnen, die eine der schönsten des heurigen Kinojahres ist, weil sie wie eine Befreiung wirkt, angesichts der Erstarrung, in die das Drama jene Familie geführt hat, die Ursula Meier in ihrem ersten Kinospielfilm porträtiert. Die Familienmitglieder, die noch präsent sind, werden von einer extrem schnell bewegten Kamera erfasst, während sie sich mitten in einer Einöde, im Nichts des hohen Grases, nur notdürftig bekleidet in eine Welt begeben, mit der sie eigentlich schon abgeschlossen haben. Die Kamera fährt allerdings in die entgegengesetzte Richtung, in die Vergangenheit, sodass die Protagonisten völlig ins visuelle Abseits geraten. Sie bewegt sich dabei noch einmal an jenem Haus vorbei, in dem die Familie gelebt hat, das diese nun zurücklässt, bevor sie vom Boden abhebt und das Bild schwarz wird. Doch zurück zum Anfang, der das idyllische Lebensmodell einer Gemeinschaft auf durchaus unterhaltsame Weise präsentiert.
Leben an der Autobahn. Eine fünfköpfige Familie – Michel (Olivier Gourmet), Marthe (Isabelle Huppert) und ihre drei Kinder – hat sich nur wenige Meter von einem verlassenen Autobahnabschnitt inmitten von Feldern und Wiesen in einem Haus eingerichtet. Marthe ist Hausfrau, Michel fährt allmorgendlich weg und kehrt am Abend von irgendwoher wieder zurück. Die beiden jüngeren Geschwister besuchen scheinbar noch die Schule und werden jeden Morgen von einem Bus abgeholt, während die ältere Tochter herumhängt und sich beim Swimmingpool im Bikini sonnt und dabei mit Hardrock-Musik die verlassene Gegend beschallt. Am Abend herrscht gemütliches Familienbeisammensein. Es wird gespielt, getanzt, gegrillt und gescherzt. Man genügt sich selbst.
Stau und Zerstörung. Eines Tages jedoch erscheinen auf der Autobahn Arbeiter, die in ihren futuristischen Anzügen wie aus einemScience-Fiction-Film entsprungen wirken. Die Leitplanken werden erneuert, es wird geteert, die Autobahn beginnt zu leben. Eine Touristenwelle rückt an, ein kilometerlanger, nie enden wollender Stau ist die Folge. Die Idylle wird dadurch empfindlich gestört. Die Reaktion der Familie auf den Lärm, Dreck und auf die Schaulustigen wird heftig sein, die Abschottung autodestruktive Züge annehmen.Großartig fotografiert von Agnes Godard ist Ursula Meier eine vielschichtige Parabel gelungen, die verschiedene interpretatorische Zugänge ermöglicht und viele Fragen aufwirft. Zum Beispiel: Funktioniert Familienglück nur in der Isolation vom Rest der Welt?
Von vorne anfangen. Auf jeden Fall atmet man mit der Hauptdarstellerin Isabelle Huppert am Ende tief durch, wenn sie sich mit dem Schlaghammer unter letzter Kraftanstrengung aus dem Gefängnis, das das Haus geworden ist, befreit. Gerade sie, die sich so vehement für das Bleiben gegen alle äußeren Widrigkeiten ausgesprochen hat: „Noch mal das Ganze? Von vorne anfangen? Ich kann es nicht.“ Sehr wohl kann sie es. Und sie bewegt sich bezeichnenderweise mit ihrer Familie am Ende wieder gegen den Strom der Masse.
- Einführung und Diskussion mit Markus Vorauer am Fr., 4. Dezember, 21 Uhr, Moviemento Linz.