Ausgabe: 2009/48, annehmen, loslassen, 1. Adventsonntag, 29. November 2009, Evangelium, Lesung, Dietrich Bonhoeffer, P. Markus Pucher, Engel der Vergesslichkeit, Advent, Engel, Trauer, Verletzungen, Bibel,
25.11.2009
Er ist zwar nicht immer angenehm, manchmal leiden Menschen auch darunter: es ist nicht mehr so wie früher, vieles fällt dem Vergessen anheim. Das kann aber auch heilsam sein: loslassen und weggeben, was man nicht mehr ändern kann. Heilsam, wenn da ein „Engel“ ist, dem man vieles übergeben kann, der es wegträgt.
Evangelium
Lk 21, 25–28. 34–36
Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn (all) das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. [. . .] Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, (so) wie (man in) eine Falle (gerät); denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.
1. Lesung
Jer 33, 14–16
Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn –, da erfülle ich das Heilswort, das ich über das Haus Israel und über das Haus Juda gesprochen habe. In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich für David einen gerechten Spross aufsprießen lassen. Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land. In jenen Tagen wird Juda gerettet werden. Jerusalem kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Gott ist unsere Gerechtigkeit.
2. Lesung
1 Thess 3, 12 – 4, 2
Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt. Im Übrigen bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.
Niemand besitzt Gott so, dass er nicht mehr auf ihn warten müsste.
Und doch kann niemand auf Gott warten, der nicht wüsste, dass Gott schon längst auf ihn gewartet hat.
Dietrich Bonhoeffer
Wort zum Sonntag
Der Engel der Vergesslichkeit
Advent ist die Zeit, in der Engel Saison haben. Sie sind unterwegs in den Adventstraßen und auf Weihnachtsmärkten. In Gedichten und Malereien kommen sie vor. Auch in den biblischen Berichten über die Menschwerdung Gottes gehören sie dazu. Als leise Stimme in der Botschaft an Maria und als singende Schar über den Feldern von Bethlehem. Der Maler Paul Klee hat viele Engel gezeichnet, die meisten kurz vor seinem Tod im Jahre 1939. Er zeichnete sie mit ganz einfachen und wenigen Linien. Er hat diese Bilder auch mit Namen benannt, manchmal mit liebenswürdigen, manchmal auch mit ironischen Namen: Armer Engel. Vergesslicher Engel. Krise eines Engels. Engel voller Hoffnung. Wenn ich auswählen müsste, wäre mir der Engel der Vergesslichkeit sympathisch. Er ist zwar nicht immer angenehm, manchmal leide ich auch darunter. Es ist nicht mehr so wie früher. Vieles fällt dem Vergessen anheim. Das kann aber auch heilsam sein: loslassen und weggeben, was man nicht mehr ändern kann. Heilsam, wenn da ein „Engel“ ist, dem man vieles übergeben kann, der es wegträgt. Leider machen wir oft die Erfahrung, dass wir gerade das nicht vergessen können, was wir gerne vergessen möchten: Verletzungen, die wir bitter erfahren mussten und die immer wieder hochkommen und weh tun. Trauer, die man nicht abschließen kann, obwohl man es so gerne möchte. Der Engel der Vergesslichkeit hat noch eine andere, eine gute Seite. Vergesslichkeit kann auch ein intensives Nachdenken bedeuten, ein „Sich-Sammeln“, bei dem alles andere unwichtig erscheint. Das kann man zu jeder Zeit und überall tun. In diese Oase hinein können wir Worte der Bibel legen, wie sie z. B. im Evangelium des 1. Advents zu hören sind: „Nehmt euch in acht, dass die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren. Wachet und betet!
Zum Weiterdenken
Der Advent ist meist gefüllt mit Erwartungen und Wünschen. Der Engel der Vergesslichkeit könnte ein Begleiter sein: sich sammeln und vieles vergessen, was unwichtig ist.
P. Markus Bucher, Provinzial der Missionare von Mariannhill und geistlicher Assistent der Kath. Männerbewegung Linz.