Zurücklassen. Das war für Maria und Franz Gilhofer heuer im Frühjahr ein Hauptwort des Lebens.
Ausgabe: 2009/48, Heimat, Gilhofer, Bad Leonfelden, Altenheim, Demenz, Schicksalsschläge, Angst, Dankbarkeit, Buch
26.11.2009
- Matthäus Fellinger
Alles noch einmal in die Hand nehmen, Abschied nehmen von vielen Dingen, die einem einmal Freude gemacht haben.
Es war am 13. März. Diesen Tag hatte sich Maria Gilhofer als Tag des Umzugs ausgesucht. „Wir haben eine kleine Wirtschaft gehabt, in Vorderweißenbach“, erzählt sie. An diesem 13. März 2009 würden sie und ihr Mann Franz ihr vertrautes Zuhause verlassen, um in eine frei gewordene, aber noch fremde Wohnung einzuziehen. Gleich neben dem Altenheim in Bad Leonfelden liegt das Haus für betreubares Wohnen. Baulärm umgibt das Gebäude. Aber das ist nur gut. Franz Gilhofer ist Maurer gewesen. Die 88 Jahre sieht man ihm nicht an. Aber das Gedächtnis lässt aus. Die Baustelle hat es ihm leichter gemacht. Da war er gleich besser zu Hause. „Heimat verlassen ist das eine“, sagt Maria Gilhofer, „Heimat finden das andere.“
Die Krippe kam mit. Noch liegt sie verpackt im Keller. Die haben sie mitgenommen. Sie hatten sie für ihr erstes gemeinsames Zuhause machen lassen, sie würde sie auch in den späten Jahren durch den Advent begleiten.
Maria Gilhofer ist eine gesellige Frau. Immer schon war sie unter Leuten. Sie hat für Senioren an vielen Nachmittagen aus ihren Mundart-Gedichtbüchern gelesen. Ihre Lebenserfahrungen hat sie immer wieder in Versen verdichtet. „Es wäre nicht mehr gegangen“, erzählt sie, deshalb haben sie sich für das „betreubare Wohnen“ angemeldet. Eine Stunde weg vom Ort –, wenn man auf ein eigenes Auto angewiesen ist – das wäre zu schwierig geworden.
Die Nachbarn von früher sind schon alle da gewesen, ein wenig nachschauen, wie es ihnen geht! Sie haben ja das Heim in der Nähe, gleich über die Straße. Hier im Haus und drüben im Heim haben sie schnelle Anschluss gefunden. Zum Mittagessen gehen sie immer hinüber, dazu am Dienstag zum Rosenkranz, am Donnerstag zur Messe.
Leben mit Demenz. „Ich bin keine so besondere Gläubige“, erzählt Maria. Doch sie betreut ihren Mann. Noch kann er mit dem „Gehwagerl“ nachmittags für eine Weile aus dem Haus. In der „Sitz-Turngruppe“ machen sie mit. Man muss etwas tun, damit man beweglich bleibt. Die Altersdemenz des Mannes macht es nicht einfach. Eine gute Hilfe ist, am Vormittag die Totenbilder anzuschauen. Sie haben sie alle aufgehoben. Franz war früher Leichenträger. Zu vielen fällt ihm etwas ein. Nur: Wer noch lebt und wer schon verstorben ist – im Kopf des Franz Gilhofer verschmelzen sie langsam zur Einheit. „Das Sterben werden wir Gott überlassen, aber wie wir leben, da wollen wir schon mitentscheiden“, meint Maria. Gern besuchen sie den nahen Friedhof. Ein guter Platz, sagt sie. Hier trifft man die Bekannten von früher.
Schicksalsschläge. Einer der Söhne ist heute da. Er ist mit dem Vater ein wenig draußen gewesen. Mit 19 hatte er einen schweren Unfall. Jetzt ist er 43. Er kann nicht arbeiten. Aber Maria Gilhofer ist froh, dass er halbwegs selbständig leben kann. Ja, das Leben war nicht einfach. Maria Gilhofer kommt auf den Tag zu sprechen, als ihr Mann am Grab seiner ersten Frau stand. Vier Kinder waren da. Später sind sie sich nahe gekommen. Sie haben geheiratet, und sie haben drei weitere Kinder bekommen. Maria Gilhofer hat sie alle „aufgezogen“ und sich um die kleine Landwirtschaft gekümmert. Die jüngste Tochter ist an Brustkrebs gestorben. Auch da waren drei Kinder da. „Leicht-gläubig“ ist Maria Gilhofer nicht. Es ist ihr oft schwergefallen. Aber, sagt sie: „Es ist schon besser, die Zukunft Gott zu überlassen.“
Keine Angst. Man muss heute nicht mehr Angst haben vor dem Altwerden, meint die 82-Jährige. Von ihrer Kindheit her erinnert sie sich noch, wie die Alten als „Einleger“ jeweils für zwei, drei Tage in einem Haus bleiben konnten und wie sie dann in das nächste Haus ziehen mussten. So war die Altenversorgung derer, die niemanden hatten, in den Dörfern geregelt. Die Betten der Alten konnten nicht einmal richtig warm werden, da mussten sie schon wieder weg. „Wir dürfen zufrieden sein, wie wir heute alt werden können“, meint Maria. Ihr Mann sitzt dabei, mit einem Lächeln in den Zügen.
Erlernte Dankbarkeit. Drüben im Heim ist man auch mit Gebrechlichkeiten nicht allein. „Da sehen Sie, wie es vielen schlechter geht – da lernt man Dankbarkeit.“ Auch der Blick auf das Kreuz hilft dem betagten Paar: „Was hat der Herrgott erleiden müssen!“ Christbaum wird es heuer keinen mehr geben. Da wäre kein Platz in der Wohnung. Vielleicht ein Gesteck – und die Krippe. Zu Beginn des Advents wird sie ausgepackt. Die Hirten dürfen als erste Wegbegleiter auf die Bühne des Advents treten. Sie werden einem alt gewordenen Ehepaar Gesellschaft leisten, Begleiter sein auf dem Weg zum Licht von Bethlehem.
Es wird Zeit
Es wird Zeit, dass i geh, es läutn glei zaum. An an Sonntag in d’Kircha geh i in Gotts Naum.
Es wird Zeit, dass i geh, da Bsuach daucht scho lang. Geh, kimm do bald wieder, und recht an schen Dank.
Es ist Zeit, dass i geh, de Arbeit fangt an. Will der Letzte net sei, es liegt ma was dran.
Es ist Zeit, dass i geh in d’Pension, s wird scho recht. A anderer statt meiner macht d’Arbeit net schlecht.
Es ist Zeit, dass i geh zur Ewigen Ruah. Gottvater im Himmel, i moa, es war gnua.
Maria Gilhofer
- Maria Gilhofer hat von ihren Mundart-Büchern noch Exemplare des Buches „Was das Leben schreibt. Gedichte und Gedanken in Mühlviertler Mundart“ auf Lager, erhältlich bei der Autorin, Tel. 07213/66 28.