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Eine Geschichte geht zu Ende

Ausgabe: 2009/49, Gruppe, Geschichte, Arbeiterjugend, Madlener, Schwarzenbacher, Betriebsseminar
02.12.2009
- Matthäus Fellinger
Ein Bild aus den Anfangszeiten. Maria Madlener (links) – hier mit Aktivistinnen der Katholischen Arbeiterjugend/Mädchen – war eine der Gründungspersönlichkeiten.


Das Betriebsseminar in der Linzer Kapuzinerstraße war einst der Stolz der kirchlichen Betriebspastoral. Nach 45 Jahren wird es – aus finanziellen Gründen – geschlossen. Ein Kapitel österreichischer Kirchengeschichte geht damit zu Ende – aber nicht das ganze Buch.

Bilden. Bewegen. Solidarisieren. Diese drei Begriffe sind auf der Tafel neben dem Eingang zu lesen. Sie sind das Kurzprogramm dessen, was man in diesem Haus in der Kapuzinerstraße 49 in Linz erleben kann. Als „Betriebsseminar“ war das Bildungshaus über Österreich hinaus ein Begriff. Es stand dafür, dass der Graben, der sich seit dem 19. Jahrhundert zwischen der Arbeitswelt und der Kirche aufgetan hatte, nicht weiter bestehen sollte. Wo die Sorgen und Nöte der Menschen sind, dort soll auch Kirche sein. Das sollte auch für die Menschen in den Betrieben gelten.
Die Österreichische Bischofskonferenz war Hauptförderer des von einem Trägerverein geführten Hauses. Doch seit 2004 gab es keine Mittel von der Bischofskonferenz mehr. Bemühungen, neue Einnahmen zu erschließen, brachten nicht das nötige Ergebnis. Die Lücke von 63.000 Euro jährlich ließ sich mit Benefizveranstaltungen, Flohmarkt und anderen Maßnahmen nicht schließen, erklärt Peter Schwarzenbacher, Leiter des Hauses seit 2001. Angestrebte EU-Förderungen blieben aus. Schmerzliche Folge nach 45 Jahren: Das Betriebsseminar in der bisherigen Form wird mit Ende 2009 geschlossen. Die Diözese Linz sah sich nicht in der Lage, das Haus ganz vom Verein zu übernehmen. Aber immerhin: Es gibt die Zusage, dass man das Grundanliegen nicht aufgeben wird. Für Menschen in der Arbeitswelt braucht es auch künftig ein kirchliches Bildungsangebot. Insgesamt neun Mitarbeiter/innen des Hauses sind von der Schließung betroffen.

Eine Frauen-Erfindung. Es waren die Mädchen der Katholischen Arbeiterjugend, die 1963 erstmals die Forderung nach einer Bildungsstätte für Arbeiter/innen stellten. Damals zogen viele junge Arbeiterinnen nach Vorarlberg, um in der Textilbranche Arbeit zu finden. Die KAJ-Aktivistinnen wollten für sie da sein, um sie zu stärken. Das war der Anfang. Das Bildungshaus Betriebsseminar wurde schließlich für ganz Österreich in Linz gegründet, ursprünglich in der Senefelderstraße, 1970 übersiedelte man in die Kapuzinerstraße.
Drei Namen stehen für den Anfang: Maria Madlener (gestorben 1986), der spätere Grazer Bischof Johann Weber und Josef Mayr. Sie haben die Betriebspastoral in Österreich und speziell in Oberösterreich aufgebaut.Einerseits ging es um die Bildung von Arbeitnehmer/innen, andererseits auch darum, die Kirche selbst sensibel für die Arbeitswelt zu machen. Die christliche Soziallehre sollte hier mit Lebenspraxis verknüpft werden. Angehende Seelsorger/innen bzw. Priesteramtskandidaten absolvieren beispielsweise bis heute hier ein „Betriebspraktikum“. Sie arbeiten in einem Linzer Betrieb, tauschen dabei ihre Erfahrungen aus. Sie lernen kennen, wie sich Schichtarbeit anfühlt und wie Arbeit Menschen prägt.

Zukunft noch offen. Obmann des Trägervereins Bildungshaus Betriebsseminar ist seit 23 Jahren Betriebsseelsorger Hans Gruber. Sein Anliegen ist jetzt, dass ein Mindestmaß an Bildungsangeboten erhalten werden kann. Dieses Anliegen teilt auch Mag. Edeltraud Artner-Papelitzky, die Bereichsleiterin von „Mensch und Arbeit“ in der Diözese Linz. Die Kirche sollte vor allem für jene da sein, die in unsicheren Situationen leben oder die vom Lohn ihrer Arbeit nicht leben können, sagt sie. Jetzt gilt es, die Rahmenbedingungen auszuverhandeln. Dazu, meint sie, wird es auch vieles vom Pioniergeist der Anfangsjahre brauchen. Eine der Optionen: Einige Einrichtungen der Betriebsseelsorge in Linz könnten in das Haus übersiedeln und dort auch ein Bildungsprogramm anbieten.
Letzten Montag, 30. November, tagte der Vereinsvorstand, um sich über die neue Situation auszusprechen. Man hofft, dass die vielen Absolvent/innen und Freunde des Bildungshauses das Kernanliegen weiter unterstützen werden. „In der Arbeitswelt“, sagt Hans Gruber, „bleibt kein Stein auf dem anderen.“ Mit der Schließung des Betriebsseminars, hoffen die bisher Verantwortlichen, sollte nur ein Kapitel Kirchengeschichte zu Ende gehen. Doch die Geschichte sollte auch ein nächstes Kapitel haben.





Sparkurs führt zu Strukturreformen

Die angespannte Finanzlage der Diözese Linz bringt mit sich, dass die Diözese ihr Bekenntnis auch zu regionalen Bildungsangeboten umgestalten muss. Mit geringerem Aufwand soll das Bildungsangebot trotzdem aufrecht bleiben.

- Maximilianhaus in Puchheim. Für das regionale Bildungshaus Maximilianhaus in Puchheim versucht zurzeit das Kuratorium des Hauses, eine Finanzlücke von jährlich 50.000 Euro zu schließen. Sollte dies bis Juli 2010 nicht gelingen, muss das Haus geschlossen werden. Die Diözese will jedoch mit anderen kirchlichen Bildungsträgern in der Region über eine Zusammenarbeit verhandeln. Pastoralamtsleiter Willi Vieböck versichert: Es wird für die Region weiter ein Bildungsangebot geben. Die Form steht noch nicht fest.

- Treffpunkt der Frau in Wels. Mit Ende des Arbeitsjahres 2009/2010 läuft der Betrieb im Treffpunkt der Frau der Katholischen Frauenbewegung in Wels aus.

- Greisinghof. Beim Bildungshaus der Marianisten am Greisinghof bei Tragwein wird es künftig eine Zusammenarbeit zwischen dem Orden und der Diözese Linz geben. Das Bildungshaus, das durch seinen Bibelschwerpunkt bekannt ist, kann so weitergeführt werden.

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