Zu wunderbaren Lese-Erfahrungen lädt Maria Fellinger-Hauer die KiZ-Leser/innen ein.
Ausgabe: 2016/50
13.12.2016
„Ich kann sie verstehen. Sie muss wieder einmal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders. Ich könnte von hier weg, wenn ich wollte, aber ich muss nicht.“ Max, der Ich-Erzähler in dem neuen Buch des Schweizer Autors, ist, wie sein Schöpfer, Schriftsteller und Kneipenbesitzer in einer Person. Er steht am Abend in der Bar und bedient die Gäste, tagsüber kümmert er sich um alle anfallenden Arbeiten. Er liebt die Beständigkeit und seine kleine Welt. Und er hat volles Verständnis und innige Liebe für seine Frau, die in Paris eine neue Herausforderung findet. Capus entwirft mit diesem Episodenroman, dessen Klammer die Liebesgeschichte zwischen Max und seiner Ehefrau bildet, ein Gegenbild zur allgemein bekannten sogenannten Wirklichkeit, in der es nur noch um Veränderung, Beschleunigung, Optimierung und Maximierung von allem und jedem zu gehen scheint. Das allein ist schon bemerkenswert. Capus’ Erzählkunst macht das Buch zu einer wunderbaren Leseerfahrung. Alex Capus. Das Leben ist gut, Hanser, München 2016, 338 S.
Ebenfalls ganz und gar unspektakulär geht es in dem neuen Roman des gleichfalls aus der Schweiz stammenden Lorenz Langenegger zu – es ist sein dritter. In Anlehnung und ganz im Gegensatz zu den bekannt gewordenen ersten Sätzen eines österreichischen Krimiautors kann Langeneggers Protagonist sich normalerweise sagen: „Jetzt ist schon wieder nichts passiert.“ Dabei ist Wattenhofer von Beruf Polizeiwachtmeister und dafür verantwortlich, die Vorkommnisse in seiner kleinen Landgemeinde genau zu beobachten und drüber zu wachen, dass eben nichts passiert. Bis ein kleiner Hinweis Wattenhofers Fantasie beflügelt und ihn am Ende mit sich selbst konfrontiert. Durch genaue Beobachtung und treffsichere Sprache schafft Langenegger eine Atmosphäre, die den Leser, die Leserin mitnimmt. Lorenz Langenegger, Dorffrieden, Jung und Jung 2016, Salzburg – Wien, 185 S.
„Ich war ohnehin zu spät, konnte mir also Zeit lassen.“ Mit diesem ersten Satz ist der Gegenstand des Romans schon sehr genau umrissen. Die aus Göttingen stammende und in Wien lebende Almut Tina Schmidt schildert in ihrem neuen Roman den Alltag einer jungen Frau, die ständig unter Zeitdruck steht und mit dem Dauergefühl lebt, mit den Anforderungen des Lebens nicht zurechtzukommen. Da ist der immer wieder verschobene Abgabetermin der Diplomarbeit, die Trennung vom Freund und die Begegnung mit einem neuen, da sind Familienpflichten und viele Freundinnen und Freunde, die allesamt ihre Zeit mit mehr oder weniger bedeutsamen Dingen verschwenden, eine ungeliebte Arbeit und vor sich hergeschobene Lebensentscheidungen, schließlich das Kind. Der ganz normale Alltag junger Leute? Mit angemessener Ironie erzählt Almut Tina Schmidt über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges und springt dabei temporeich und gekonnt zwischen den Zeit- und Erfahrungsebenen hin und her, dass es eine Freude ist. Almut Tina Schmidt, Zeitverschiebung, Literaturverlag, Droschl, Graz 2016, 189 S.
„Bedrückung, kein: Die Bahn ist frei!“ So spürte es Alexander nach dem Begräbnis von Lilos Mann, der Frau, die er liebte. Es ist nur eine der Geschichten in Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“. Er erzählt die Geschichte der Brüder Jakob und Alexander – und ihrer Schwester Luisa. Noch einmal führt Kaiser-Mühlecker hinein in die bäuerliche Welt um den Magdalenaberg, von der auch „Roter Flieder“ und „Schwarzer Flieder“ handelt. An der Wirklichkeitsverweigerung des Vaters und am harten Herzen der Großmutter zerbrechen die Ausbruchsversuche der Söhne – und auch ihrer Schwester – ins eigene Leben. Bedrückend, der neue Kaiser-Mühlecker, aber berührend und schön. Kaiser-Mühlecker schaffte es mit dem Roman auf die Shortlist des deutschen Buchpreises. Reinhard Kaiser-Mühlecker, Fremde Seele, dunkler Wald, S. Fischer, Frankfurt am M. 2016, 300 S.