In seinem Buch über die „Eroberung Amerikas“ verweist Zvetan Todorov darauf, dass der Völkermord in Lateinamerika im 16. Jahrhundert alle großen Massaker des 20. Jahrhunderts in den Schatten stellt. Dass dieser Genozid auf subtile Weise noch immer stattfindet, davon handelt Marco Bechis Film „Birdwatchers“, den der in Buenos Aires geborene und seit den 80er Jahren in Italien lebende Regisseur nach mehrjähriger Vorbereitungszeit in Venedig 2008 präsentierte und der nun in Linz zu sehen ist.
Show und Wirklichkeit. Der internationale Verleihtitel legt eine falsche Fährte, weil er die Perspektive der Weißen vorgibt, die zwar noch immer ihre Macht ausspielen, ansonsten im Film aber nur Staffage sind. Der Originaltitel „Das Land der roten Menschen“ suggeriert eine andere Sichtweise, wobei beide Titel genau jene Opposition vorwegnehmen, die den ganzen Film bestimmen wird, nämlich jene zwischen den Guarani-Kaiowa-Indianern und den weißen Großgrundbesitzern und Touristen, die am Beginn des Films auf einem Fluss im Mato Grosso in Brasilien unterwegs sind, um Vögel zu beobachten. Das „Birdwatching“ wird sich, wie man später sehen wird, auf einen Diaabend beschränken, während am Ufer plötzlich halbnackte, rot bemalte Indianer auftauchen und mit Pfeilen zu schießen beginnen, sodass die Touristen die Flucht ergreifen. Dieser Beginn wirkt so, als würde man ins 16. Jahrhundert zurückversetzt werden, doch der Auftritt erweist sich als inszenierte Show für naive Dschungeltouristen, denn in der nächsten Sequenz sieht man, wie sich die Indios umkleiden und bei einem Pick-up offenbar für ihre Performance bezahlt werden. Diese Exposition erfährt am Ende des Films eine Spiegelung, nur ist dann aus dem Spiel bitterer Ernst geworden.
Trostlos. Die Situation der Guarani-Indianer in ihrem Reservat ist trostlos, was zu Serien-Selbstmorden vor allem unter den Jüngeren führt. Nachdem wieder zwei Leichen gefunden wurden, beschließt Nadio, der Anführer der Indios, das Reservat zu verlassen und sich mit seiner Gruppe im Gebiet eines Großgrundbesitzers anzusiedeln. Das veranlasst diesen zu Gegenmaßnahmen, die in einer Katastrophe kulminieren. Am Ende werden sich die Indianer schwarz anmalen und auf Kriegspfad gehen und somit ihre Rolle als „Wilde“, die ihnen von den Weißen zugedacht wurde, nun wirklich spielen. Bechis ist ein außergewöhnlicher Film gelungen. In wuchtigen Bildern zeigt er vor allem den Stillstand zwischen den Fronten in einem Ambiente, dessen Dimensionen für den Menschen eigentlich zu groß sind. Ohne didaktische Zeigefinger-Rhetorik konstatiert Bechis die desaströsen Lebensumstände eines Stammes, dem der Lebensraum durch den intensiven Sojaanbau nach und nach genommen wird. Ein mehr als gelungener Start ins neue Kinojahr.