Noch ist nicht abzusehen, wohin die derzeitige, von Missbrauchsvorkommnissen ausgelöste Krise führt. Doch die Diözese Linz hat zusammen mit den Ordensgemeinschaften einen konsequenten Weg der Aufklärung beschritten. Die erste Sorge gilt den Opfern.
„Die vielen Nachrichten über sexuellen Missbrauch und Gewaltanwendung, die nach Jahrzehnten des Schweigens und Leidens seitens der Opfer nun ans Tageslicht gekommen sind, zeigen uns eine sehr dunkle Seite des Menschseins und mangelnder Verantwortung auf mehreren Ebenen in der Kirche.“ Mit diesen Worten wandte sich Generalvikar Dr. Severin Lederhilger am Montag in einem offenen Brief an die Mitarbeiter/innen in der Diözese Linz. Die Bestürzung, Fassungslosigkeit und Scham angesichts der Berichte Betroffener, denen jetzt endlich zugehört wird, fordere ein konsequentes Handeln seitens der Diözesan- und Ordensleitungen, betonte der Generalvikar.
Kremsmünster will Klarheit. Das Stift Kremsmünster hat hierfür ein klares Zeichen gesetzt. Nachdem am 10. März 2010 Abt Ambros Ebhart von fünf Personen mit Vorwürfen von Gewaltanwendung und sexuellem Missbrauch konfrontiert wurde, hat er unverzüglich erklärt, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Am Sonntag , den 14. März ging die Gemeinschaft der Benediktiner einen Schritt weiter. Abt Ambros nannte im Fernsehen die Namen jener drei Mitbrüder, die des sexuellen Missbrauchs verdächtigt werden. Auch die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet, da ein Missbrauchsfall nicht verjährt ist. Der betreffende Pater hat selbst eine Sachverhaltsdarstelung eingereicht. Abt Ambros war es wichtig, die Gewalt- von den Sexualdelikten zu trennen. Vorrang haben jetzt einmal die Sexualdelikte. Er bittet mögliche weitere Opfer, sich zu melden. Derzeit sind fünf Mönche von Kremsmünster ihrer Ämter und Aufgaben enthoben. „Für die Ordensgemeinschaft ist das eine belastende Situation“ so der Abt, der am Sonntag alle 58 Mitbrüder des Stiftes zu einem Aussprachekapitel gerufen hat, damit alle den gleichen Informationsstand haben: „Es braucht Klarheit und Barmherzigkeit.“
Wilhering um Aufklärung bemüht. Das Stift Wilhering will ebenfalls die Anschuldigungen gegen drei Patres der Gemeinschaft aus den 1950iger und 1960iger Jahren aufklären, wobei zwei der Ordensleute bereits verstorben sind. Mit dem dritten ist der Abt im Gespräch. Das Vorgehen in Wilhering gestaltet sich schwierig, da sich von den drei ehemaligen Schülern zwei nur anonym gemeldet haben. Abt Gottfried Hemmelmayr spricht sein Bedauern über die Vorfälle aus und lädt alle Betroffenen ein, mit dem Stift Kontakt aufzunehmen oder sich an die Ombudsleute der Diözese zu wenden. Bei der Kommission gegen Missbrauch und Gewalt gehen indes weitere Eingaben sowohl zu Gewalt- als auch Missbrauchshandlungen ein. Bis Montag waren es 44 Meldungen, etwa die Hälfte betreffen Kremsmünster.
Diözesane Maßnahmen greifen. Schon im November 1992 hatte sich der Priesterrat der Diözese ausführlich mit der Thematik des Missbrauchs befasst. 1996 hat die Diözese sodann die Kommission gegen Missbrauch und Gewalt eingerichtet. Ebenso wurde eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet, an die sich Opfer wenden können. „Diese Maßnahmen und der offene Umgang mit dem Thema haben tatsächlich gegriffen“, betont Generalvikar Lederhilger. Die bestehenden diözesanen Einrichtungen sieht er nicht in Konkurrenz zur staatlichen Gerichtsbarkeit. Opfer werden vielmehr ermutigt, erlittenes Unrecht zur Sprache und gegebenenfalls zur Anzeige zu bringen. „Es kann in einer so gravierenden Sache keine falsche Rücksichtnahme geben“, betont Lederhilger. Bereits für Dienstag dieser Woche hatte der Generalvikar deshalb die Vertreter der Orden zur Beratung eingeladen.
Neue Herausforderungen. Seit Dr. Josef Gruber, Bezirkshauptmann von Wels Land, vor drei Jahren ehrenamtlich die Leitung der Diözesanen Kommission gegen Missbrauch und Gewalt übernahm, waren drei Fälle zu bearbeiten. Nun steht die Kommission vor völlig neuen Herausforderungen. Das Vorgehen muss neu geregelt werden. Vorübergehend soll die Ombudsstelle der Diözese verstärkt werden, um die teils lange zurückliegenden Fälle rasch bearbeiten zu können. „Als Gemeinschaft müssen wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, die vorrangige Sorge um die Opfer deutlich machen und den Willen zu einer Kultur aufmerksamen Hinsehens aufbringen“, betont Lederhilger. Jetzt sollen die Verhaltensregeln für die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit neu durchdacht werden. Die Ombudsstellen werden österreichweit zusammenarbeiten.
- Ombudsleute und Diözesane Kommissiongegen Missbrauch und Gewalt, Harrachstrasse 7, 4020 Linz. Tel. 0676/ 87 76 55 25, Mail: k.h.haeubl@aon.at