„Und es war Frühling und es wurde Sommerund es war Herbst und es wurde Winter undin den Augen und in dem Herzen des Knabenspiegelten sich Tausende von Bildern undimmer sang ihm das kleine Mädchen vor: ‘Daswirst Du nie vergessen!‘. Und auf dem ganzenFlug duftete der Holunderbaum so süßund so lieblich; er spürte zwar die Rosen unddie frischen Buchen, aber der Holunderbaumduftete noch wunderbarer, denn seine Blütenhingen am Herzen des kleinen Mädchens unddaran lehnte er im Fluge oft seinen Kopf.“
Mit diesen Worten aus Hans Christian Andersens „Mutter Holunder“ beginnt Regisseur Volker Koepp seine Reise in die russische Enklave Kaliningrad, die vor dem Zweiten Weltkrieg zum nördlichen Ostpreußen gehörte und deren Vergangenheit und Gegenwart er seit Beginn der 1990er- Jahre immer wieder dokumentiert. Holunderblüten leuchten aus den Trümmern zerfallender Gehöfte, tauchen eine Landschaft, die von ihrer wechselnden Geschichte weiß, in leuchtendes Weiß-Gelb. Kinder spielen in den Ruinen. Kinder sind es auch, die im Zentrum des beeindruckenden, mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilms „Holunderblüte“ (Freitag, 30. 4., 22.35 Uhr, arte) stehen. Kinder, die von ihren Eltern in den verödeten Dörfern zurückgelassen wurden, aus denen sie in ferne Städte auf der Suche nach Arbeit aufbrachen. Diese Kinder zwischen Tilsit und Königsberg lässt Volker Koepp von ihrem Leben erzählen, von ihrer Verantwortung für sich und ihre kleineren Geschwister, von alkoholabhängigen und fernen Eltern, von Gewalt, Sorgen und Nöten, aber auch von ihren Wünschen, ihren Hoffnungen, ihren Plänen, ihrer Sehnsucht. Es sind berührende Geschichten, witzige, lebensnahe und lebensfrohe Geschichten, die, eingebettet in den Wechsel der Jahreszeiten erzählt, einen beeindruckend hoffnungsvollen Film ergeben, der seine Poesie aus den Kontrasten, aber auch dem Einklang von idyllischer Landschaft und Wirklichkeit eines Kinderlebens bezieht.
Christiane Luftensteiner-Höllrigl, Medienreferat der Bischofskonferenz