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Ein kritischer Geist

Blickpunkt
Ausgabe: 2010/22, Geist, Eule, Schrei, Erfolg, Chabrol
02.06.2010
„Triumphe habe ich nie gefeiert. Ich hatte schöne kleine Erfolge.“ Klingt ein bisschen nach Understatement, was Claude Chabrol im Interview über sein Schaffen sagt.

Immerhin wurden dem Filmemacher, der als Mitbegründer der Nouvelle Vague gilt – jenem Ausbruch aus konventionellem Filmschaffen, den Ende der 50er Jahre mit ihm Regisseure wie Truffaut, Godard, Malle und Rohmer wagten – wohl alle namhaften Preise überreicht, die die Film- und Kritikerwelt zu vergeben hat: Goldene Palmen, Bären, Löwen, Muscheln … 80 wird demnächst der in Paris geborene Sohn einer Apothekerfamilie, der zunächst Literaturwissenschaften, Jura und Pharmazie studierte, ehe er als Filmkritiker bei der französischen Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ anheuerte, demnächst und von Leisetreten keine Spur. „Ich habe mit meiner Tochter an einem neuen Drehbuch gearbeitet. Außerdem werde ich eine weitere Maupassant-Verfilmung fürs Fernsehen drehen. ‚Fettklößchen‘ – ein alter Traum von mir. Das Buch trifft genau den Kern meines Werkes: das Verhältnis von Bourgeoisie und Volk“, verrät er dem „Arte“-Magazin. Kritik am Bürgertum – „gegenwärtig die einzige Schicht, die sich rühmt, eine Klasse zu sein“ – am Schein, der Unaufrichtigkeit, Falschheit, Heuchelei, des Egoismus hat er in mehr als der Hälfte seiner Filme geübt. In „Betty“ etwa (24. Juni, 20.15 Uhr), der Geschichte einer Frau, die im Alkohol ihre Verzweiflung ertränkt, mit der ARTE seine Hommage an den Regisseur beschließt.
Davor stehen mit „Der Schrei der Eule“ (7. Juni, 20.15 Uhr), „Das Biest muss sterben“ (14. Juni, 20.15 Uhr) und „Der Frauenmörder von Paris“ (21. Juni, 20.15 Uhr) drei Beispiele für Chabrols reiches Schaffen auf dem Programm.
Ersteres eine präzise Übertragung des psychologisch subtilen Romans von Patricia Highsmith. Zweiteres eine gescheite, künstlerisch beachtliche Geschichte eines Vaters auf der Suche nach dem Mörder seines Sohnes, die sich nicht scheut, die Hohlheit bürgerlichen Verhaltens zu geißeln. Beispiel drei, ein als „ein bewusst dekadentes Spiel mit menschlichen Grundwerten“ bezeichneter Film, mit dem er sich „zum Entsetzen der Kritik, mehr kommerziellen Stoffen zuwandte“.

Christiane Luftensteiner-Höllriegl, Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz
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