Ausgabe: 2011/01, Unter uns, Zeit, Gedanke, Jugend, Gansinger
05.01.2011
- Ernst Gansinger
Zeit-Gedanken zum Jahresbeginn: „Das hat es zu unserer Zeit nicht gegeben“, höre ich jemanden einen Kommentar zu einem Vorfall aus jüngster Zeit sprechen. Das Gespräch sprudelt dann weiter.
Ich aber bleibe beim Satz hängen: Was ist „unsere“ Zeit? – „Unsere Zeit“ meint unsere Jugend und verdrängt, dass genauso heute unsere Zeit ist. Der Mensch ist viel mehr als seine Jugend. Er ist sein Leben. „Unsere Zeit“ ist unser Leben. Auf das Heute haben wir mitunter viel mehr Einfluss genommen als auf das Gestern. Wir können uns nicht aus diesem Zusammenhang nehmen und uns von heute distanzieren, indem wir betonen, dass „zu unserer Zeit“ etwas ganz anders war.
Zu unserer Zeit hätte es solche Distanzierungen nicht gegeben, denke ich mir. Nein, denke ich mir natürlich nicht. Nicht, weil es zu unserer Zeit genauso solche Distanzierungen gegeben hat, sondern weil – siehe oben.
Vielleicht aber sitzt „unsere Zeit“ doch noch tiefer: Die Menschen empfinden sich der aktuellen Zeit mehr ausgeliefert, als sie sich in der sorgloseren Jugendzeit ausgeliefert fühlten. – „Zu unserer Zeit“ war die Zeit noch wirklich unsere, sehnen sie sich nach der Sorglosigkeit ihrer Jugend. Und erst seinerzeit: Da war alles sowieso besser!