Mitten in der Kraft seines Leben erhielt Pater Heribert Niederschlag die Diagnose. Krebs! Mit einem Schlag war weggefegt, was ihm bis dahin wichtig war. Trotz der Angst, die ihn quälte: P. Niederschlag wusste sich nicht allein. Am 11. Februar kommt P. Niederschlag nach Linz.
Krankheit gilt als „Zwischenfall“, als Unglück, gegen das man sich versichern muss. Woher das schlechte Image von Krankheit? P. Dr. Heribert Niederschlag: Weil wir in unserem Leben mehr auf – wie man im Mittelalter schon sagte – Glückseligkeit aus sind. Wir sind da, um glücklich zu werden und möglichst lang in der jugendlichen Kraft möglichst intensiv leben zu können. Krankheit ist immer ein Einschnitt, ein richtiger Schlag, der uns erinnert: Unser Leben ist begrenzt und vergänglich. Dass man sterben muss, weiß man ja. Aber dass ich selber betroffen bin, daran erinnert mich die Krankheit. Aus einem inneren Drang, doch leben zu wollen, wehren wir das ab.
Sie waren selbst krank. Sehr schwer sogar. Wie war es für Sie, als Sie von der Diagnose erfahren haben? Es war ein Schock – und hat mich ganz unvorbereitet getroffen. Ich hoffte, am nächsten Tag entlassen zu werden, doch der Arzt hat mir in recht herbem Charme eröffnet, was mit mir los sei. Da habe ich zum ersten Mal erlebt und erlitten: Du bist vergänglich. Dein Leben ist begrenzt. Was mich aber sehr überrascht hat, war nach einer Phase der Rationalisierung: Es gibt ja das Kirchenlied, in dem es heißt „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Wenn das stimmt, was ich in meinem Leben gebetet, gepredigt, geglaubt habe, dass es eine Auferstehung gibt, dann müsste genauso stimmen: Mitten im Tod sind wir von Leben umfangen. Dann wäre eine Krankheit eine Brücke zu tiefem Leben. Aber diese Gedanken wurden immer wieder überspült von Furcht und Angst.
„Dein Wille geschehe“, beten Christen im Vaterunser. Wie ist es Ihnen mit dieser Bitte während der Krankheit gegangen? Das hat mich selbst gewundert, dass ich daran gar nicht gedacht habe. Ich habe es eher einfach geschehen lassen. Ich habe mich mit meinem Leben hingehalten. Vielleicht, weil sowieso nichts zu machen wäre. Und dann habe ich mich an meine Liebsten erinnert: meine Eltern, Großeltern, auch eine ganze Reihe von Freunden, die diesen Weg schon gegangen sind. Warum sollte es bei mir eine Ausnahme geben? Es war eine Art Solidarisierung mit ihnen. Dieses Einverständnis habe ich tief in mir gespürt. Es waren nicht so fromme Gedanken wie: „Dein Wille geschehe“.
„Durch Krankheit bin ich aufgewacht“, heißt Ihr Vortrag, den Sie in Linz halten werden. Worin sind Sie aufgewacht? Ich habe Erkenntnisse gewonnen, die mir sicher verschlossen geblieben wären, wenn ich immer gesund geblieben wäre. Krankheiten können Schlüssel sein, die dem verborgen bleiben, der immer gesund ist.
Gibt es eine glaubwürdige „Frohe Botschaft“ am Krankenbett? Ja. Die gibt es. Ich spüre, dass ich viel angstfreier auch Schwerkranken begegnen kann. Aber nicht mit Worten. Meine Gegenwart kann helfen, wenn ich jemandem die Hand gebe und sage: Ich kann auch nicht viel sagen, ich verweile ein wenig, bete für Sie. Aufrichtige Präsenz kann sehr helfen. Viele sind ja völlig verunsichert und distanzieren sich eher vom Kranken, als dass sie ihm begegnen. Eine wohltuende Gemeinschaft kann innerlich aufrichten.
Krankheit wird von manchen mit Schuld verknüpft. Kann Krankheit in diesem Sinn „Strafe“ sein? Auf keinen Fall würde ich das so thematisieren. Krankheit kann natürlich eine Folge einer dummen Lebensweise sein, wenn man sich in Arbeit stürzt und sich viel zu wichtig nimmt, sodass man an seine Grenzen stößt. Aber eine Krankheit ist immer ein Schicksalsschlag, etwas, das mir geschickt wird, wo ich alles tue, damit das Leid überwunden wird.
Sind Sie – im Nachhinein – sogar dankbar für diese Erfahrung? Ich will sie nicht missen. Aber ich wäre auch froh, wenn sie sich nicht wiederholen würde.
Freunde und Angehörige haben oft Scheu, dem Kranken zu begegnen. Was können Freunde tun oder sein? Eine Erfahrung war die – und das hat mir fast den Atem genommen: Ich konnte einige nicht in meiner Nähe haben. Es ist Sensibilität notwendig, die ja oft gar nicht eingeübt wird. Von manchen habe ich mich am Krankenbett schnell wieder verabschiedet. Dagegen gab es andere, da war eine Brücke da. Ihre Gegenwart hat mich innerlich getragen, gestärkt und auch getröstet. Deswegen ist am Anfang oft am Krankenbett eine gewisse Dis-tanz hilfreich, um zu spüren, wie willkommen ich gerade bin.
Haben Sie um Gesundheit gebetet? Um das Gesundwerden habe ich eigentlich nie gebetet. Ich habe es geschehen lassen. Aber viele andere haben für mich gebetet. Es war schon schockierend für mich, wie auf einmal alles wie weggeblasen war. Ich hatte immer gerne das Brevier gebetet, gepredigt. Alles war wie weggefegt. Nur eines nicht; eine tiefe Erfahrung von Gegenwart: Ich weiß nicht, wie ich es nennen kann. Eine Erfahrung von Geborgenheit. Du bist nicht allein. Das genügte mir auch.
Zur Person
P. Heribert Niederschlag
P. Dr. Heribert Niederschlag gehört der Gemeinschaft der Pallottiner in Vallendar an. Er ist Moraltheologe an der Philosophisch-Theologischen Hoch-schule der Pallottiner in Vallendar. Seit 2006 leitet er das Ethik-Institut. Am „Höhepunkt“ seiner Karriere – P. Niederschlag war damals Rektor der Hochschule – erkrankte er an Krebs. Er musste seine Aufgaben ruhen lassen. 2004 kehrte er an die Hochschule zurück.
Vortrag im Linz. Am „Welttag der Kranken“, Fr., 11. Februar 2011, 13.30 Uhr, spricht P. Dr. Heribert Nieder-schlag im Krankenhaus der Elisabethinen in Linz (Palmenhalle) zum Thema „Durch Krankheit bin ich aufgewacht“. Sr. Ruth Puchner wird anschließend einen „Bibliolog“ zum Thema „Berühren und berührt werden – die Heilung einer kranken Frau“ (Lk 8,42–48) gestalten. Um 17.45 Uhr wird ein Gottesdienst mit Krankensalbung gefeiert.