Seit Jahren ist er da gestanden am Weg meines montäglichen Frühstarts. Er stand bei jedem Wetter, verkaufte Zeitungen und las zwischendurch in der Zeitung, die er verkaufte. Dabei musste er einen siebten Sinn haben, jene Autos, die Halt machten, weil die Ampel auf rot schaltete, von jenen Autos zu unterscheiden, die anhielten, weil jemand die Zeitung kaufen wollte.
Ich habe nie mit ihm geredet, ihn immer nur gesehen, denn mein Weg führte mich auf der gegenüber liegenden Straßenseite in deutlichem Abstand an ihm vorbei. Ein Zeitungskauf hätte mich auch gar nicht interessiert. Seit Wochen aber steht er nicht mehr da. Er fehlt mir. Er, den ich nicht kenne, von dem ich nichts weiß, seinen Namen nicht und auch nicht, aus welchem Land er kam. Vielleicht ein Asylwerber? Vielleicht einer, dem Österreich den Boden unter den Füßen weggezogen hat? Aber irgendwie ist er mir vertraut geworden.
Die Aneinander-vorbei-Begegnungen nehme ich auch in anderen Fällen wahr: Die Frau, die täglich den Berg hinauf eilt, den ich morgens auf dem Arbeitsweg hinunter fahre. Oder der junge Bursch vom Gartenbauamt mit seinem wippenden Gang. – Ob auch jemand von mir stumme Notiz nimmt?