Die Pfarre Wels-St. Stephan feiert heuer 50-Jahr-Jubiläum
Ausgabe: 2011/07, Heimat, Zelt, Pfarre, Wels, St. Stephan, Jubiläum, Siedlergemeinschaft
16.02.2011
- Paul Stütz
Auf eine bewegte Geschichte blickt die Welser Pfarre St. Stephan (Lichtenegg) zurück. Hier war nach dem Zweiten Weltkrieg ein riesiges Barackenlager. Einer der Flüchtlinge, der Geistliche Stefan Mácsady, gründete die 1961 geweihte Pfarre. Die Vertriebenen fanden in der Zeltkirche eine neue Heimat.
Es war ein harter Alltag für die Flüchtlinge des Lagers 1001. Sie lebten alle auf sehr beengtem Raum, ein Gemeinschaftswaschraum musste anfangs für alle reichen. Die Holzwände waren sehr löchrig: „Man konnte zwischen den Brettern durchschauen“, erinnert sich etwa Waltraud Backfrieder in dem Buch „Wir Kinder vom Lager 1001“ (siehe auch Spalte rechts): „Im Winter war es sehr kalt und eisig und der Wind pfiff durch die Ritzen, dass sogar das Wasser im Eimer gefror.“ In den insgesamt 22 Baracken lebten tausende Menschen. 1952 kam der Geistliche Stefan Mácsady, selbst aus Ungarn geflüchtet, in dieses Lager und wurde später erster Pfarrer. Die Not der Heimatvertriebenen veranlasste ihn, hier zu bleiben, um mit ganzer Kraft für die Flüchtlinge zu wirken. In nur vier Wochen errichteten die Flüchtlinge die Lagerkirche. Dass die Gemeinschaft eine sehr lebendige war, zeigt allein der Umstand, dass zu dieser Zeit fast täglich eine Hochzeit stattfand.
Siedlergemeinschaft. Das Wirken des Pfarrgründers Mácsady beschränkte sich nicht auf die geistliche Ebene. So initiierte der Pfarrer die Gründung der Siedlergemeinschaft St. Stephan. Gemeinsam wurden Grundstücke gekauft, damit Flüchtlingsfamilien in ihre Eigenheime übersiedeln konnten. Da die Lagerkirche zu klein war, wurde Anfang der Sechziger-Jahre die eigenständige Pfarre St. Stephan errichtet. 1966 wurde die Zeltkirche mit ihrem frei stehenden Glockenturm fertiggestellt. „Die Zeltkirche symbolisiert für uns das Zelt Gottes, sie ist das Zeichen für Flüchtlinge, dass sie nicht mehr heimatlos in dieser Welt stehen“, sagte Pfarrer Stefan Mácsady 1976, ein Jahr vor seinem Tod.
Heutige Seelsorge. Auch heute ist die Internationalität ein Charakteristikum der Gemeinde, wie Peter Neuhuber, Pfarrer in Wels-St. Stephan seit 1999, erzählt. So sind hier kroatische, polnische und ungarische Gemeinden anzutreffen. Zahlenmäßig am stärksten sind die Kroaten, bei denen am Sonntag bis zu 500 Menschen Gottesdienst feiern. Die große Bandbreite in der Pfarrpastoral zeigt sich aber nicht nur daran: Einen Schwerpunkt bildet die Ökumene mit den Evangelischen in Wels. Eine Besonderheit der Pfarre in Wels-Lichtenegg ist zudem die Frauenliturgie, bei der Gottesdienste von Frauen für Frauen gefeiert werden. Das größte Anliegen ist Pfarrer Neuhuber ein gut gestalteter Sonntagsgottesdienst: „Ich bin Liturge durch und durch. Mir ist besonders wichtig, dass sich die Menschen in den Gottesdienst mit ihrem Leben einbringen und wiederfinden können.“
- Weitere Termine im Jubeljahr sind unter anderem: 14. Mai, Festakt, 50 Jahre KBW St. Stephan, 3. Juli, Pfarrfest, www.zeltkirche.at
Zur Sache
„Der Herr Pfarrer war einer von uns“
Vera Tichy-Nimmervoll, Jahr-gang 1946, ist im Welser Flüchtlingslager 1001 aufgewachsen. Als ein Kind von vertriebenen Kroaten-Deutschen wohnte sie bis zum 16. Lebensjahr im Lager. Es habe eine sehr gute Gemeinschaft unter den Flüchtlingen gegeben, die sich gegenseitig in allen Lebenslagen halfen. Zusammengeschworen hat sie alle ein „grausames Schicksal“, wie Tichy-Nimmervoll schreibt. Trost spendete insbesondere die neu gegründete Pfarre Wels-St. Stephan. Der Pyramidenbau des Gotteshauses symbolisierte das Zelt Gottes und sollte ein Hoffnung spendendes Zeichen für die Flüchtlinge sein. Positiv in Erinnerung ist Vera Tichy-Nimmervoll der Pfarrgründer: „Der Herr Pfarrer Stefan Mácsady war einer von uns“, betont sie.
- Vera Tichy-Nimmervoll. Wir Kinder vom Lager 1001. Easy Media Druck Verlag, Euro 14,90.