Ich bin in ein Stadtkind – ein „Betonkind“ wie meine Mühlviertler Freundin öfters betont. Mit dem Bild von Gott als gutem Hirten verband ich daher bis vor kurzem nicht mehr als ein bekanntes Kirchenlied zum Psalm 23. Warum brauchen Schafe denn einen Hirten? Wenn der Wolf kommt sind sie mit ein paar Hirtenhunden besser beraten, Wasser und Gras finden sie sicher auch alleine und auch ein verlorenes Schaf findet ein gut ausgebildeter Hirtenhund mit seiner Spürnase sicher schneller. Vielleicht brauchen Schafe also den Hirten nur, damit einer den Hunden die Befehle gibt? Ich wurde eines besseren belehrt: Letztes Wochenende war ich zu Besuch bei einer Freundin im Salzkammergut. Sie ist die Hirtin einer sechsköpfigen Schafherde. Die Tiere drängten sich im Stall und dachten nicht daran rauszukommen und ihre Füße auf das furchterregende weiße Zeug – die Menschen nennen es Schnee – zu stellen. Zum Frische-Luft-Schnuppern quetschten sie sich den Zaun entlang auf den wenigen schneefreien Pfaden. Bis es der Hirtin zu bunt wurde: Sie stapfte – aus Schafsperspektive todesmutig – durch den Schnee und rief ihre Herde. Und siehe da: Anstandslos trotteten alle sechs im Gänsemarsch vertrauensvoll hinter ihr her. Denn die Herde weiß, wenn sie auf den Wegen gehen, die die Hirtin ihnen zeigt, wird ihnen nichts passieren.