„Hinter dieser Gewalt gegen Christen steckt etwas Organisiertes“
Am 25. Jänner 2011 hat die Revolution in Ägypten begonnen. Ein Jahr danach sind die ersten freien Wahlen so gut wie abgeschlossen. Das Endergebnis wird Ende Februar erwartet. Am Sieg der Muslimbrüder dürfte sich nichts mehr ändern. Der ägyptische Kardinal und Patriarch Antonios Naguib nimmt zur Bedeutung des Wahlergebnisses für Christen im Land Stellung.
Die Mehrheit der Menschen in Ägypten hat sich bei den Parlamentswahlen den Muslimbrüdern zugewandt. Ihr Sieg ist so gut wie sicher. Was sagen Sie zu diesem Ergebnis? Patriarch Antonius Naguib: Das Wahlergebnis müssen wir akzeptieren, denn die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung hat den Islamisten ihre Stimme gegeben und das zählt. Man muss verstehen, dass der größte Teil der Menschen in Ägypten bewusst nur auf die religiösen Elemente achtet. Die Islamisten haben die Wahl dementsprechend als eine Wahl für oder gegen den Islam präsentiert. Zentral ist die religiöse Komponente eines islamischen Staates. So wird klar, dass die Mehrheit der Ägypterinnen und Ägypter – 90 Prozent der 88 Millionen Einwohner des Landes sind Muslime – die Muslimbrüder oder die Salafisten und nicht die liberalen oder säkularen Parteien gewählt haben. Sie wollen, dass der Islam im Land bleibt. Abgesehen von einigen Intellektuellen versteht der Großteil der ägyptischen Bevölkerung nur die religiöse Sprache und Denkweise und die wird von den religiösen islamischen Führern gelenkt.
Was bedeutet ein Wahlsieg der Muslimbrüder für die Christen? Patriarch Antonius Naguib: Wir Christen unterstützen jene Parteien, die sich für Demokratie, für Gleichheit und Menschenrechte als Basis für den Staat und die Gesetzgebung einsetzen. Sie sind bei der Wahl leider weit ins Hintertreffen geraten. Wir hoffen, dass es unter den als gemäßigt geltenden Muslimbrüdern für die acht bis zehn Millionen Christen in Ägypten keine dramatischen Verschlechterungen geben wird. 2011 hat die Al Azhar Universität in Ägypten, die als höchstes führendes religiöses Institut des sunnitischen Glaubens gilt, sich in einer Erklärung für einen modernen demokratischen und konstitutionellen Staat ausgesprochen, in dem auch die Rechte anderer Religionen anerkannt werden. Das sind positive Aspekte, auf die wir bauen und hoffen. Würden die radikalen islamistischen Salafisten gewinnen, wären wir besorgter. Derzeit sind wir in einer kritischen Phase des Übergangs. Es hängt viel davon ab, wie die neue Verfassung ausgearbeitet wird. Steht im Mittelpunkt das Hauptziel der Revolution nach Gleichheit, Würde und Menschenrechten, dann wird der demokratische Prozess Schritt für Schritt voran- gehen. Wenn sie aber nach radikalen islamistischen Sichtweisen, Visionen und Einflüssen ausgeführt wird, werden wir eine Orientierung nach islamischen Vorstellungen haben.
Immer wieder kam es seit Beginn der Revolution in Ägypten zu Anschlägen radikaler Islamisten auf christliche Kirchen. Man hört, dass viele Christen Ägypten verlassen wollen ... Patriarch Antonius Naguib: Nach dem Sturz Mubaraks sind Christen und Muslime voller Euphorie gemeinsam für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden auf die Straße gegangen. Doch nach dem Erfolg der Revolution sind mehr und mehr radikale islamistische Gruppen aufgetaucht, die es früher schon gab und die von den Medien unterstützt wurden. Die Gewalt gegen Christen nahm zu und die Zahl jener, die das Land verlassen haben und verlassen wollen, steigt. Wir versuchen unsere Leute davon zu überzeugen, zu bleiben. Allerdings teile ich nicht die Befürchtungen jener, die glauben, diese Auswanderungen führen zu einem Ende des Christentums in Ägypten. Ich bin überzeugt davon, dass das nicht geschehen wird. Selbst wenn eine halbe Million oder eine Million Christen Ägypten verlassen, wird es immer noch sieben bis neun Millionen Christen im Land geben, die nicht die Möglichkeit haben auszuwandern. Sie werden jede Situation annehmen, auch wenn die Lage der Christen, die derzeit mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, noch schlimmer wird, was wir nicht hoffen.
Was steckt hinter der Gewalt gegen Christen? Patriarch Antonius Naguib: Die Auseinandersetzungen fangen gewöhnlich mit einem persönlichen Streit zwischen zwei Personen oder zwei unterschiedlichen kleinen Gruppen von Christen und Muslimen an. Und plötzlich wächst dieser Streit und eskaliert, weil einige radikale fanatische Islamisten solche Situationen absichtlich für ihre eigenen Zwecke nutzen und sie als religiöse Konflikte zwischen Christen und Muslimen auslegen. So wird eine Kluft zwischen den beiden Religionen suggeriert. Sicherheitskräfte, Polizei und Regierung hätten alles dafür tun müssen, die Gewalt zu stoppen, die Schuldigen vor Gericht zu bringen und sie zu verurteilen. Aber das ist tragischerweise bis heute noch nicht geschehen. Das ist auch der Grund, warum sich diese Gewalt gegen Christen ständig wiederholt. Wir können sagen, hinter dieser Gewalt gegen Christen steckt etwas Organisiertes, das von irgendeiner hohen radikalen islamistischen Machtposition ausgeht.
Was sind Ihre Wünsche für Ägypten? Patriarch Antonius Naguib: Mein Wunsch für alle Menschen in unserem Land ist, dass es gelingt, einen modernen demokratischen Staat zu schaffen, in dem es eine Verfassung und eine Gesetzgebung gibt, in der die Menschenrechte eingehalten werden; einen Staat, in dem es möglich ist, dass sich die ägyptischen Bürgerinnen und Bürger trotz unterschiedlicher Kultur und Religion gegenseitig in Würde, Respekt und Verständnis akzeptieren können. Nur in solch einer Atmosphäre können wir ein friedliches Leben führen. Probleme bestehen ja nicht nur zwischen Christen und Muslimen. Die Wahl hat gezeigt, wie schlecht und gespannt das Verhältnis zwischen den Muslimbrüdern und den Salafisten ist. Nicht nur in Ägypten, weltweit sind die höchsten radikalen Islamistenführer sehr gebildet, haben großteils Universitätsabschlüsse in den verschiedensten Bereichen. Es ist nicht eine Sache des Diploms, sondern eine Sache des Denkens, der religiösen Geistes- und Herzensbildung, der Aufgeschlossenheit, der inneren Werte und Einstellungen. Muslime als auch Christen müssen daran arbeiten, den Weg der Demokratie einzuschlagen und zu gehen. Das bedeutete viel aktive Arbeit und Bewusstseinsbildung.
Parlamentwahlen in Ägypten
Das vorläufige Ergebnis der Parlamentswahlen in Ägypten zeigt, dass die gemäßigten Muslimbrüder mit ihrer Partei der Freiheit und Gerechtigkeit mit 45 Prozent der Stimmen vor der Al-Nour-Partei der radikalen islamistischen Salafisten mit 25 Prozent der Stimmen liegt. Liberale und säkulare Parteien sind weit abgeschlagen. Den „keineswegs überraschenden“ Ausgang der Wahlen erklärte Elmar Kuhn, CSI-Generalsekretär, mit mangelnder Bildung. Etwa 42 Prozent der Ägypter seien Analphabeten, gerade viele auf dem Land lebende Bürger hätten ihre „Bildung“ in den letzten 30 Jahren primär in den Moscheen gefunden – meist von saudisch geschulten „extrem-islamischen“ Imamen. Durch Sozialprogramme in der Landbevölkerung und in den Slums hätten sich die Muslimbrüder und Salafisten ein großes Renommée erworben.