Der Kölner Professor für Judaistik Johann Maier gab am 17. Jänner 2012 – dem Tag des Judentums – in Linz Einblick in die unterschiedlichen Strömungen des Judentums und zeigte die politische Brisanz dieser Vielfalt für den Staat Israel auf.
Ausgabe: 2012/04, Tag des Judentums, Vortrag, Bandbreite, Judentum heute, Judaistik, Maier, Strömungen, Israel
27.01.2012
Schon ein oberflächlicher Blick in die Zeitungen genügt, um zu sehen, wie sehr in Israel die strenggläubigen Juden die Gesellschaft unter Druck setzen: Sie wollen die Trennung zwischen Männern und Frauen in den öffentlichen Bussen erzwingen, sie achten – mit Gewalt – auf die Einhaltung des Fahrverbots in immer mehr Stadtvierteln Jerusalems am Sabbat. Die ultra-orthodoxen Juden haben großen Einfluss im Land: auf Politik und Gesellschaft – schon seit der Gründung des Staates 1948 an.
Säkular und religiös. „Der Staat Israel hat einen zwiespältigen Charakter“, betonte Prof. Maier. „Er ist eine Mischung aus demokratischer Staatsordnung einerseits und jüdischem Staat auf Basis des jüdisch-orthodoxen Rechts andererseits.“ Obwohl die säkularen und liberalen Juden in Israel in der Überzahl sind, können sie ihre Forderungen gegen die straff organisierten orthodoxen Gruppen nicht durchsetzen.
Aufgespaltenes Judentum. Bis ins 18. Jahrhundert war das Judentum eine „kompakte Religion“, so Maier. Im Zuge der Aufklärung entstanden im 19. Jahrhundert verschiedene jüdische religiöse Richtungen. Das „Reformjudentum“ hat den Gottesdienst in der Landessprache eingeführt, rituelle Vorschriften gelockert und sich für Bürgerrechte eingesetzt. Das „konservative Judentum“ hat hingegen von der Tradition nur preisgeben wollen, was unter modernen Umständen nicht mehr praktikabel war. Heute stellen Reformjudentum und konservatives Judentum zwei Drittel der religiösen Juden insgesamt.