Schauen ist eines der religiösen Grundtalente. „Seher“ sind es, die in die Tiefe der Dinge zu schauen vermögen. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger
Ausgabe: 2012/06, Wegsehen, Seher, Fastenserie
08.02.2012
- Matthäus Fellinger
Das muss man gesehen haben – heißt es. Und so sehen Menschen fern, blättern in Zeitungen, unternehmen Reisen dorthin und dahin. In der Tat: Noch nie haben Menschen so viel zu sehen bekommen wie heutzutage. Man schaut hin – und wieder weg. Denn das ist das andere Phänomen: Der Kopf und auch das Herz reichen nicht aus, all das Gesehene auch wirklich aufzunehmen. Also ist auch das Wegsehen zu einem Phänomen unserer Zeit geworden. Schauen ist eines der religiösen Grundtalente. „Seher“ sind es, die in die Tiefe der Dinge zu schauen vermögen. Sie wenden den Blick nicht rasch wieder ab, sie geben den Bildern Zeit. Sie lassen sich vom Gesehenen berühren – und verändern. Während der Fastenzeit wird Bischof Erwin Kräutler in der KirchenZeitung beschreiben, wie sich das Leben bei ihm in der Amazonas-Diözese Xingú abspielt. Uns Europäer/innen tut es gut, den Blick lange dorthin zu richten, sich ansprechen und berühren zu lassen. Wenn man nicht gleich wieder wegsieht, dann können die Bilder zu keimen beginnen. Da wächst dann nicht nur die Ohnmacht. Es wächst auch eine Antwort darauf, was es für die eigene Art zu leben bedeuten mag.