Wenigstens die Gedanken lassen sich nicht in einen Kerker sperren. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger
Ausgabe: 2012/07, Extremsportler, Gedanken- und Meinungsfreiheit, Flüchtigkeit, Gedankenverschwendung, Nächstenliebe
16.02.2012
- Matthäus Fellinger
Es hat, sagt der Extremsportler Felix Baum-gartner, im Kopf zur gleichen Zeit immer nur ein Gedanke Platz. Demnächst will er aus 36 Kilometern Höhe im freien Fall die Schallmauer durchbrechen. Keine Zehntelsekunde darf er sich dabei mit unnützen Gedanken aufhalten, sonst würde es lebensbedrohlich. Die Gedanken sind frei, heißt ein 200 Jahre altes Lied, und zu Recht gilt Gedanken- und Meinungsfreiheit als eine Errungenschaft. Wenigstens die Gedanken lassen sich nicht in einen Kerker sperren. Heute ist weniger die Freiheit der Gedanken das Problem, sondern deren Flüchtigkeit. Durch viele Hintertüren stehlen sich Gedankenräuber ins Leben. Wir leben im Zeitalter der Seitenblicke und der Ablenkungen, man könnte auch sagen: der Gedanken-Verschwendung. Es ist gar nicht einfach, sich seine eigenen Gedanken zu machen – solche, die zu denken sich lohnt, und für die man einstehen will, Gedanken eben, die weiterhelfen. Es ist mit dem Denken nicht anders wie mit dem Essen: Wer alles in sich hineinlässt, dem wird übel. Es tut gut, den Kopf bisweilen hungrig zu halten – damit der Geist wach ist für das, was notwendig ist. Auch was man denkt, hat mit Nächstenliebe zu tun.