Bei einer hochkarätigen Diskussion zum Thema „Geld und Moral“ im Wiener Burgtheater rief Kardinal Schönborn zu einer gesellschaftlichen und persönlichen Wiederentdeckung der Tugenden auf. Konkret nannte er unter anderem die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Mäßigung und die Stärke – letztere auch als Kraft, der Korruption zu widerstehen. Dahinter steht die Erfahrung, dass eine Gesellschaft, in der grundlegende Werte immer beliebiger werden, aus dem Ruder läuft – sowohl in den persönlichen Handlungsmustern als auch in der menschen- und umweltgerechten Gestaltung ihrer Strukturen.
Aufhorchen ließ Schönborn mit der Selbstkritik, dass sich die Kirche in sozialethischen Fragen zur Zeit zu wenig einbringe. Er sprach von einer „lehramtlichen Karenz“ und erinnerte an „die große Zeit der Soziallehre“ und ihren Einfluss auf die Nachkriegs-Wirtschaftsordnung. Schönborns Appell an die Laien, sich ihrer vom 2. Vatikanum hervorgehobenen eigenständigen Verantwortung stärker bewusst zu werden und aktiver ins gesellschaftliche Leben einzugreifen, ist – zumindest teilweise – berechtigt. So etwa ist das gesellschaftliche Gewicht großer Laienorganisationen, aber auch die personelle Durchlässigkeit von Apostolat und Politik deutlich geschwunden. Andererseits findet man viele engagierte Christen, die sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen an den Brennpunkten der Gesellschaft einsetzen. Von ihnen hört man oft die Klage am schwindenden Interesse „von oben“ am „Weltdienst“ der Kirche. Das ökumenische Sozialwort scheint für viele Bischöfe ein Geheimpapier zu sein, das sie kaum einmal ansprechen.