Nicht das 2. Vatikanische Konzil selbst wird infrage gestellt, aber um das richtige Verständnis der Texte wird innerhalb der Kirche zunehmend heftiger diskutiert. Der Freiburger Theologe Peter Walter zeigte in einem Vortrag an der KTU Linz auf, was die untschiedlichen Interpretationen des Konzils für die Kirche heute bedeuten.
Es sind nur zwei Begriffe, aber an ihnen entzündet sich die Debatte, wer das Konzil richtig deutet: Brachte das 2. Vatikanum einen „Bruch mit der Tradition“ und damit Neues in die Kirche oder bleiben seine Dokumente ganz auf der „Linie der Tradition“. Papst Benedikt XVI. – damals Theologieprofessor – hat sich bereits wenige Jahre nach Beendigung des Konzils mit dieser Frage beschäftigt, als die Begeisterung über den Aufbruch des Konzils nur von ganz wenigen nicht hinterfragt wurde. Josef Ratzinger war einer der wenigen. Er kritisierte, dass das Konzil von einer Welle der Modernität überrollt und entstellt wurde. Die Reformen, die die Kirche braucht, müssen aus der Heiligen Schrift, von den Kirchenvätern und dem liturgischen Erbe kommen. „Der heutige Papst setzt ganz auf die Kontinuität“, so Prof. Walter: „Vom Gegenwartsbezug des Glaubens ist bei ihm nicht die Rede.“
Keine Schwarz-Weiß-Malerei. Walter macht darauf aufmerksam, dass schon ein wesentlicher Grund der Einberufung des Konzils mit der Tradition gebrochen hat: Papst Johannes XXIII. wollte mit dem Konzil die Einheit der Christen fördern. „Die Suche nach ökumenischer Verständigung gehört nicht zur Kontinuität des Papsttums der Neuzeit.“, so Walter. Er warnt aber vor einer Schwarz-Weiß-Malerei. „Das Konzil war ein Aufbruch, nicht weil vorher alles schlecht war, es war aber vieles verschüttet. Doch wer die Kontinuität zum einzigen Auslegungsmaßstab erklärt, läuft Gefahr, die Kraft der Impulse des Konzils zu lähmen und macht den Glauben zu etwas, das man bestaunen kann.“ Johannes XXIII. wollte dagegen mit dem Konzil die Kirche für die Lösung der gegenwärtigen Probleme geeigneter machen. „Das Konzil soll zur inneren Erneuerung der Kirche beitragen und sie so für ihre Aufgaben rüsten: den Menschen zu helfen, die Zeichen der Zeit zu deuten.“, betont Walter. - Termine und Themen der weiteren Vorlesungen über das 2. Vatikanische Konzil: www.ktu-linz.ac.at. Die nächste Vorlesung findet am 20. März um 18.15 Uhr an der KTU statt.