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„Die Heidi-Landwirtschaft gibt es nicht mehr“

Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Reisecker ortet Dialog-Bedarf mit der Kirche – und wirbt um Verständnis für die Probleme der Landwirtschaft insgesamt.
Ausgabe: 2012/15, Landwirt, Reisecker, Schönborn, Schlederer, Kirche, Landwirtschaft
10.04.2012
- Matthäus Fellinger
Kardinal Christoph Schönborn hat in der Fastenzeit zu einem Fleischverzicht aus ethischen Gründen aufgerufen. Haben Sie dafür Verständnis?
Ing. Franz Reisecker: Dafür habe ich leider kein Verständnis. In vielen Regionen und Kulturen hat das Fleischessen immer dazugehört. Die Tiere sind gehalten worden, damit man sie tatsächlich als Fleisch konsumieren kann. Das als moralisch nicht vertretbar darzustellen, ist für mich zu kurz gegriffen. Schönborn meinte seine Kritik nicht generell, er kritisierte Produktionsbedingungen. Steht nicht tatsächlich unsere Landwirtschaft unter dem Druck der Riesenbetriebe einer industriellen Lebensmittelproduktion?
Weltweit gebe ich ihm recht, dass es dort eine Art der Produktion gibt, die wir nicht mittragen können. Wir in Österreich haben aber eine sehr kleinstrukturierte Landwirtschaft. Es entscheiden die Konsumenten. Wenn sie nur zum Billigsten greifen, haben wir nicht die Chance, dass wir das in Österreich zu diesem Preis produzieren können. Der Geschäftsführer der Schweinebörse Hans Schlederer hat dem Kardinal mit Kirchenbeitrags-Boykott gedroht: eine angemessene Reaktion?
Das ist die Meinung des Schweinebörse-Geschäftsführers. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, sondern dass man den Dialog sucht und mit den Verantwortlichen der Kirche die Dinge ausredet. Ich biete das jederzeit an. Es sind viele Falschmeldungen unterwegs, die ein schiefes Licht auf die Landwirtschaft werfen. In Österreich haben wir keine industrielle Landwirtschaft. Wir sind zugleich exrem abhängig von der Fleischproduktion. Wenn wir speziell die Rindfleischproduktion nicht hätten, könnten wir die Landschaft nicht offen halten. Eine Wiese kann ich nur verwerten, wenn ich Wiederkäuer – Rinder oder Schafe – züchte. Wir können das Gras schließlich nicht selber verwerten. Wir haben viele Regionen, wo Getreide oder Gemüse nicht angebaut werden kann. Sehen Sie das Verhältnis Kirche und Landwirte belastet?  
Auch in der bäuerlichen Gesellschaft hat sich dieses Verhältnis weiterentwickelt. Es ist eine kritische Haltung da, aber die bäuerliche Gesellschaft ist sicher noch enger mit der Kirche verbunden, als andere Gruppen es sind.
Ich bin sehr dafür, dass man einen Dialog miteiander führt – dass wir die Chance haben, unsere Zahlen und Untersuchungen vorzulegen. Ganz offen gesagt, der Zeitgeist ist – extrem auch in kirchlichen Kreisen – sehr gegen Fleischkonsum. Dass man etwas kritisch hinterfragt, steht jedem zu, aber es ist gerechter, wenn man die Landwirtschaft auch hört und ihre Probleme mitdenkt. 

Umwelt-Landesrat Anschober hat eine Kampagne für einen „Fleischfreitag“ pro Woche gestartet. Unterstützen Sie diese?
Ich bin auch für bewussteren Fleischkonsum. Ob das mit einem fleischfreien Tag kombiniert werden muss, da bin ich zurückhaltend. Die Konsumenten können sich das sehr wohl selber einteilen. Bei uns war der Freitag auch immer der Tag, an dem wir kein Fleich gegessen haben. Aber insgesamt wurde früher in bäuerlichen Betrieben viel mehr Fleisch konsumier – fast jeden Tag! Das hat sich gewaltig geändert. Wir haben sicher zwei, drei Tage, wo kaum Fleisch gegessen wird – auch in den bäuerlichen Familien. Sinnvoller wäre, dass man das richige Maß findet. Abwechslung ist auch gesünder.

Hat der fleischfreie Freitag für Sie persönliche noch Bedeutung?
Ich esse insgesamt sicher weniger Fleisch, aber der Freitag ist für mich – bis auf die Fasttage – nicht mehr der Tag, an dem ich konsequent kein Fleisch esse. Die Gegebenheiten sind heute andere. Es ist viel wichtiger, dass ich esse, was die Saison und die Region bietet, und nicht, dass Tausende Kilometer die Ware herangekarrt wurde. Wenn es weniger Gemüse gibt, kann ich ruhig mehr Fleisch essen. Das ist leider beim Konsumenten verloren gegangen, weil im Supermarkt jederzeit alles angeboten wird.

Der Anteil der landwirtschafltichen Bevölkerung liegt unter fünf Prozent. Sehen Sie ein Problem eines mangelnden Verständnisses für landwirtschaftliche Probleme in der Gesellschaft?
Das stimmt. Sehr viele haben überhaupt keinen Bezug mehr dazu. Vor 20 Jahren hatte noch fast jeder eine bäuerlicheVerwandtschaft, die man besucht hat. Heute bekommen viele Landwirtschaft nur über Fernsehen und Werbung vermittelt. Für uns ist jedoch die Werbung mit dem Schweindl auf der grünen Wiese kontraproduktiv. Dem Konsumenten wird eine „Heidi-Landwirtschaft“ vermittelt. Die gibt es aber nicht mehr.

Wie können Sie entgegensteuern?
Das Erste ist die Direktvermarktung, wo der Konsument in Kontakt mit den Bauern und Bäuerinnen kommt. Wir möchten – und  starten damit am 3. Juli – für die Konsumenten die Bauernhöfe öffnen. Wir beginnen mit den größeren Milchbetrieben. Da können sich die Leute anschauen, wie heute tatsächlich ein Betrieb, der 40, 50 Kühe hat und wo ein Melk­roboter eingesetzt ist, produziert. Da geht es hygienischer und für die Tiere gesünder zu als früher in den engen Ställen. Das wollen wir den Menschen vermitteln, um eine realistischere Darstellung unserer bäuerlichen Familienbetriebe zu erreichen.
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