Orden müssen sich von der Gesellschaft fordern lassen
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nimmt Sr. Kunigunde Fürst nach 18 Jahren Abschied von der Ordensleitung: „Es ist ein wenig Wehmut dabei, weil ich es gerne gemacht habe. Mir war die Leitung wirklich ein Herzensanliegen.“
Noch ist Sr. Kunigunde Fürst Generaloberin. Die Übergabe des Amtes an ihre Nachfolgerin Sr. Angelika Garstenauer findet am 11. Juli 2012 statt. Bis dahin halten die Mitglieder der alten und der neuen Ordensleitung ihre Sitzungen gemeinsam ab: „Damit ein guter Übergang möglich ist“, betont Sr. Kunigunde. Dann gibt es Urlaub, Exerziten und möglicherweise beginnen die Vorbereitungen für einen Umzug: „Ich habe bei der neuen Ordensleitung deponiert, dass ich gerne nach Kasachstan gehen möchte.“
Kasachstan. Die Franziskanerinnen von Vöcklabruck teilen dort in einem abgelegenen Dorf das tägliche Leben der Menschen, haben eine offene Tür für Kinder und alle, die Hilfe brauchen, sind die Stütze für die Pfarre und unterrichten in einem Gymnasium, das die Franziskanerinnen auch finanziell mittragen. Die Schule bietet für die jungen Menschen der Region die Chance, dem Kreislauf der Armut zu entkommen.
Russisch lernen. Wenn die neue Ordensleitung ihrem gewünschten Einsatzort zustimmt, wird sie vor der Abreise noch Russisch lernen, erzählt Sr. Kunigunde. Und wie aus der Pistole geschossen kommen einige russische Worte: Bitte, danke, guten Tag ... Sr. Kunigunde lacht. Dieses Wissen hat sie sich aus dem Hauptschulunterricht gerettet. Sie ging zur Schule, als ihre Heimat, das Untere Mühlviertel, russische Besatzungszone war. Bis sie nach Kasachstan kann, wird es Frühjahr 2013 werden. Davor wird sie auch ihr Amt als Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs abgeben.
Auf die Gesellschaft hören. Ob Generaloberin oder einfache Ordensfrau: den franziskanischen Geist erlebbar machen. Diesem Ziel gilt all ihr Einsatz, ihre Fantasie und Kraft. Franziskanischer Geist bedeutet für sie aber mehr eine bestimmte Form des Umgangs mit den Menschen als die Vermittlung von bestimmten Inhalten: „Unter den Menschen sein, auf Augenhöhe leben und nicht von oben herab, sondern miteinander etwas entwickeln.“ Zu entwickeln gibt es genug: in den Werken des Ordens und darüber hinaus. „Wir dürfen den Kontakt zu den Menschen nicht verlieren und müssen uns von der Gesellschaft immer wieder anrufen lassen.“
Franziskanisch Kirche sein. „Auf Augenhöhe sein“: Diese Form des Umgangs wünscht sich Sr. Kunigunde auch in der Kirche. „Dass es in der Kirche Leitung braucht, steht außer Diskussion, aber wir müssen viel konsequenter fragen: Was brauchen die Menschen heute?“ Für die Ordensfrau wirkt besonders im Miteinander von Leitung und den Stimmen aus der Basis der Heilige Geist. Das Wort Demokratie verwendet sie in Zusammenhang mit Kirche nicht gerne, weil es zu Missverständnissen führt. Ihre Motto: „Wir brauchen einen evangeliumsgemäßen Zugang zu den Menschen und zur Welt.“ Zerbrechlich und wertvoll. Die Frage, welche Baustellen sie hinterlässt, entlockt Sr. Kunigunde Fürst bloß ein Schmunzeln: „Baustellen haben wir immer, weil wir Menschen sind.“ Zum Abschluss des Generalkapitels hat sie jeder Schwester ein Ei geschenkt: „Was in unserer Hand liegt, ist zerbrechlich wie das Ei, aber jedes Ei ist ein Zeichen von Fülle.“ .