Die Mitarbeiter/innen des Katholischen Bildungswerkes wollen für ein „Frühlingserwachen“ in den Pfarren sorgen – statt sich von Resignation anstecken zu lassen. Die Erinnerung an den Konzilsbeginn vor 50 Jahren gibt dazu Impulse.
Ausgabe: 2012/16, Katholisches Bildungswerk, Konzils, Univ.Prof. DDr. Joachim Sander, Menschheit, Kirche, Pichler Christian
„Wir waren stolz auf die Kirche!“ So fasst der Linzer Regionaldechant Pfarrer Walter Wimmer die Stimmung zusammen, die während des Konzils von 1962 bis 1965 in der Kirche so deutlich spürbar war. Als Theologiestudent in Rom hat er es hautnah miterlebt. „Man hatte das Gefühl: Jetzt beginnt eine neue Zeit.“ So erlebte es auch der damals junge Journalist Hubert Feichtlbauer. 50 Jahre später befindet sich die katholische Kirche in einer tiefen Vertrauenskrise. Ernüchterung hat bei vielen das Gefühl des Stolzes abgelöst. Doch die fast 300 Teilnehmer/innen an der Jahrestagung des Katholischen Bildungswerkes am 13. und 14. April im Bildungshaus Puchberg wollen bei der Ernüchterung nicht stehen bleiben – und schon gar nicht bei der Resignation. In den Pfarren wollen sie für ein „Frühlingserwachen in der Kirche“ sorgen. Der neue Leiter des Bildungswerkes Christian Pichler hatte zum Thema „Wege-weiter-wagen“ eingeladen. Der vor 50 Jahren vom Konzil eingeschlagene Weg sollte weiter „gewagt“ werden. Viele teilten den Eindruck Hubert Feichtlbauers, den er in einer Podiumsdiskussion vortrug. Er sieht die Kirche von einem neuen Aufbruch erfasst. Ob Ökumene, Priesteramt oder andere Streitfragen – „die Menschenwürde ist nicht mehr zurückzuhalten, das gebildete Gewissen als oberste Instanz ist unaufhaltsam.“
Wider die Resignation. Für den evangelischen Superintendenten in Oberösterreich Gerold Lehner war das „enorme Vertrauen“, das im Konzil von der katholischen Kirche den anderen Konfessionen engegengebracht wurde, das Erstaunlichste. „Das Vertrauen war stärker als die Angst“, fasste er das „Neue“ in der Kirche von damals zusammen. „Etwas hat begonnen – und etwas möchte weitergehen.“ Für die Welser Pfarrassistentin Irmgard Lehner geschieht dieses Weitergehen „in großen Bögen“. Sie selbst wurde nach dem Konzil geboren, durfte als Mädchen nicht einmal ministrieren – und trägt heute Leitungsverantwortung für die junge Pfarre Wels-St. Franziskus. Resignation wäre das Schlimmste, waren sich bei der Tagung Podiumsgäste und „Publikum“ einig. Dass Gott das Heil für alle Menschen will, ist für Pfarrer Wimmer eine ganz entscheidende Aussage des Konzils – und das dürfe nicht mehr eingeengt werden. „Das Zweite Vatikanum war die große Selbstrelativierung der Kirche“, betonte der Salzburger Theologe Hans Joachim Sander. Erstmals hätte sich die Kirche positiv dem gestellt, was ihr „von außen her“ zugemutet wird – wie etwa die Menschenrechte. Die Kirche genügt sich nicht mehr einfach selbst, sie ist kein in sich geschlossenes System mehr, sondern in vielem auch auf Außerkirchliches angewiesen – auf Staatsanwälte etwa, um gegen Missbrauch in eigenen Reihen vorzugehen. Kirche dient der Menschheit. „Die Kirche ist nicht die Menschheit, sie dient der Menschheit“, fasst Sander zusammen. Das sei die entscheidende Erkenntnis des Konzils. Das gelte auch für das Wahrnehmen der heutigen „Zeichen der Zeit“. Diese – so Sander – haben immer mit Menschen zu tun. „Zeichen der Zeit“ sind die Orte, an denen Kirche da sein muss – und das ist überall dort, wo die Würde der Menschen bedroht ist: in Lampedusa oder in den Auffanglagern afrikanischer Flüchtlinge vor Spanien. Dort, wo Frauen benachteiligt sind. Überall, wo Menschen um ihre Anerkennung ringen müssen, die ihnen die Gesellschaft verweigert. Das sind auch die Orte, sagt Sander, an denen Christen überraschend auf Gott treffen können.