Sonjas Söhne sind nur ein Jahr auseinander. Aus diesem Grund zogen sie beide gleichzeitig letzten Herbst nach Graz, um dort zu studieren. Sonja erlebt seither eine große Krise.
Ausgabe: 2017/12
21.03.2017
- Andrea Holzer-Breid
„Ich hatte mit meinem Jüngsten eine sehr innige Beziehung. Wir konnten über vieles miteinander reden“, erzählt sie. „Mein Mann redet nicht gern, meine Söhne fehlen mir sehr."
Familie trägt die Selbstauflösung in sich
Der Soziologe Dirk Baecker meint, dass die Selbstauflösung der Familie notwendig ist, damit die „Jungen“ selbst eine Familie gründen können. Nur wenn die „Jungen“ freigelassen werden, können sie sich auch wieder binden. Ablösung ist ein lebensnotwendiger Prozess. Die Kinder müssen dazu ermutigt werden, ihr eigenes Leben zu führen und ihre Familie verlassen zu wollen. Doch zusammen mit dieser Ermutigung muss das Bedauern mitgeteilt werden, dass man sich auseinanderlebt. Man kann das als Paradoxie formulieren: Die Familie muss ihre Kinder unglücklich genug machen, um die Familie verlassen zu wollen, und glücklich genug, um selbst eine Familie gründen zu wollen.
Mütter und Söhne
Der Schlüssel der Männlichkeit liegt unter dem Kopfpolster der Mutter. Im Märchen „Eisenhans“ geht es um den Weg zum Mannsein. Eine entscheidende Szene steht ganz zu Beginn: Der Junge soll den Schlüssel zu einem Käfig unter dem Kopfkissen der Mutter stehlen und ihn dann wegwerfen. Die Ablösung und Abgrenzung von der Mutter ist für Söhne wichtig, die Hinwendung zum Vater dabei hilfreich.
Freilassen tut weh
Sonja steht oft vor dem Foto ihrer Kinder im Wohnzimmer. Sie spürt den Verlust der erwachsenen Söhne sehr stark und ist traurig und antriebslos. Sie weiß häufig nicht, wofür es sich zu leben lohnt. „Ich habe immer alles für alle gemacht, war sehr fürsorglich und habe es genossen, meine Familie zu versorgen.“ Viele Gewohnheiten sind jetzt weggefallen. „Ich koche nicht mehr unter der Woche, weil mein Mann am Tag nicht heimkommt. Ich fühle mich manchmal so sinnlos auf dieser Welt.“
Ablösung als Trauerprozess
Es ist wichtig, dass Sonja den Verlust der Söhne betrauern kann. Zur Trauer gehören viele verschiedene Gefühle: Manchmal ist sie wütend, manchmal weiß sie einfach nicht mehr weiter. Manchmal wieder fühlt sie sich ganz frei und pudelwohl. Alles durcheinander.
Leichtigkeit und Lebenslust
Ich erzähle Sonja: Ich glaube, dass es im Alter darum geht, in Leichtigkeit zu leben und sich den Themen zuzuwenden, die einem Freude machen. Vielleicht gilt es auch, einen Auftrag zu leben, eine Kompetenz, die bisher noch keinen Platz hatte. Und man glaubt es kaum: Sonja meldet sich zu einem Tanzkurs mit ihrem Mann an. Denn getanzt hat er immer schon viel lieber mit ihr als geredet!