Gewalttaten wie jene vom 25. Mai in St. Pölten, als ein Vater sein eigenes Kind tötete und sich dann das Leben nahm, erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Es braucht mehr als nur eine Verschärfung von Wegweisungsrecht und Betretungsverboten, meint Mag. Josef Lugmayr.
Gewalttaten im familiären Bereich erschrecken immer wieder die Öffentlichkeit. Steht es um die Beziehungsqualität wirklich so schlecht? Mag. Josef Lugmayr: Die Rahmenbedingungen für stabile Beziehungen haben sich verschärft. Der Druck in der Arbeit macht die Betreuung der Kinder oft schwieriger. Frauen erwarten natürlich zur Recht, dass sich die Männer in der Erziehung mehr einbringen. Vieles ist eben in Bewegung, und vieles in der Beziehung muss immer wieder neu ausverhandelt werden. Alles zusammen bringt einfach mehr Konfliktpotenzial.Der Extremfall ist die Trennung oder Scheidung. Wenn Männer das Gefühl haben, sie wären schlecht ausgestiegen, tun sie in ihrer Ohnmacht manchmal Dinge, die zerstörerisch sind. Man kann nicht davon ausgehen, dass Frauen heute selbstverständlich ihre Karriere zurückstellen. Früher haben Frauen vieles erduldet, weil sie finanziell auf den Mann angewiesen waren. Das ist nicht mehr so.
Ist das nicht eine positive Entwicklung? Lugmayr: Ja, natürlich. Aber die Herausforderung ist dadurch größer geworden. In der Beratung geht es uns vor allem darum, dass Frauen und Männer ihre Angelegenheiten besser verhandeln können. Wir wollen helfen, dass keine Seite zu kurz kommt.
Du kommst aus der Katholischen Männerbewegung. Färbt das auf die neue Tätigkeit ab? Lugmayr: Meine Erfahrungen aus der Männerarbeit kann ich sicher einbringen. Männer wollen oft Männer als Ansprechpartner, deshalb hat die Männerberatung bei uns einen hohen Stellenwert.
Manche sagen, Gewalt sei männlich, und der Ruf nach einer Verschärfung von Wegweisungsbestimmungen und Betretungsverbot wird lauter. Lugmayr: 90 Prozent der Opfer sind Frauen. Dass es Opferschutzeinrichtungen und Frauenhäuser gibt, ist sehr positiv. Ein Betretungsverbot kann zum Beispiel den Männern signalisieren: Wenn ich zuschlage, ist das wirklich ernst und es hat Konsequenzen. Das kann einen hilfreichen Schock auslösen. Männer neigen ja oft dazu, dass sie solche Vorfälle verharmlosen. Man soll aber nicht alles nur von einer Verschärfung der Bestimmungen erwarten. Wir haben hier auch Defizite, denn wo können sich Männer hinwenden, die sich mit einem Betretungsverbot konfrontiert sehen? Männer, die aus ihrem Familienkontext gerissen sind, sind oft in größter psychischer Not. Kurzschlusshandlungen hängen immer auch mit einer Ohnmacht zusammen. Was kann kirchliche Beratung da ausrichten? Lugmayr: Wir können unsere Beratung anbieten. Es geht da oft um Männer, die eher unauffällig und zurückgezogen leben. Wir können helfen, dass Männer zu ihrer Tat stehen können und sich mit dem Kreislauf der Gewalt auseinandersetzen. In der Beratung ermutigen wir sie, die eigenen Bedürfnisse zu formulieren – und rechtzeitig nein zu sagen, wenn einem etwas zu viel wird. Wir haben dazu für unsere Arbeit den Schwerpunkt „gewaltfrei.eziehungleben“ entwickelt.
Gewalt ist Gott sei Dank nicht das einzige Thema einer Beratungseinrichtung. Von Kirchenkrisen ist viel die Rede. Vertrauen die Leuten der Kirche in Beziehungsangelegenheiten? Lugmayr: Ich glaube schon. Die Nachfrage nach unseren Angeboten ist nach wie vor größer als das, was wir anbieten können. Und man schätzt die hohe Qualität unserer Beratung. Wir erbitten von unseren Kunden zwar einen Beitrag, doch soll niemand aus Kostengründen von der Beratung ausgeschlossen sein. Das rechnen uns viele hoch an.
Viele kirchliche Streitthemen fallen in den Bereich des Beziehungslebens, von Sexualmoral bis zur Frage von Scheidung und Wiederverheiratung. Behindert das die Arbeit? Lugmayr: Diese Themen spielen in der tatsächlichen Beratung nicht die Rolle, die sie in der innerkirchlichen Diskussion haben. Die Menschen schätzen es, wenn wir ihnen helfen, Lösungen für ihre Probleme zu finden. Wir tun das ergebnisoffen, die Entscheidungen müssen sie ja selber treffen. Sie sind oft dankbar, dass sie in der Kirche so gute Angebote finden. Das sollte uns vor allem wichtig sein: dass wir Menschen, die in einer Not sind, Unterstützung geben – damit ihre Beziehungen gelingen.