Sie sind nun drei Monate ärztliche Leiterin in der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg. Welche großen Herausforderungen sehen Sie? Prof. Gabriele Sachs: Die Entstigmatisierung der Psychatrie ist eng mit meinem Vorgänger Prof. Schöny verknüpft. Diese Entstigmatisierung möchte ich fortführen. Ganz wichtig ist mir auch die Vorsorge und Früherkennung. Wir wissen heute, dass eine Therapie umso erfolgreicher ist, je weniger Zeit zwischen dem ersten Auftreten von Symptomen und der Therapie verstreicht.
Wie kann man psychischen Krankheiten vorbeugen? Gabriele Sachs: Ganz wichtig ist die Psycho-Edukation – die möglichst frühzeitige Aufklärung, welche Gründe psychische Erkrankungen haben und wie man vorbeugend etwas tun kann. Etwa Methoden lernen, mit inneren Spannungen besser umzugehen. Was trägt noch zur Erhaltung psychischer Gesundheit bei? Gabriele Sachs: Gute Voraussetzungen sind Stress-Bewältigung, die Pflege von Beziehungen, also ein soziales Netzwerk, viel Bewegung in frischer Luft und die Ausgewogenheit zwischen Beruf und Freizeit. Wenn jemand nur für den Beruf da ist, wenn er isoliert ist, ist er nicht in Balance!
Was sind Alarmzeichen, die Familie, Freunde und Betroffene wahrnehmen können? Und was könen sie tun? Gabriele Sachs: Plötzliche Veränderungen sind Signale. So muss es nicht Faulheit sein, wenn jemand die Schule oder Ausbildung abbricht. Auf diese Art kann sich auch eine beginnende Krankheit ankündigen. Signale können auch sein, wenn sich jemand zurückzieht, emotional instabil ist, starke Stimmungsschwankungen hat. Gespräche und in weiterer Folge dabei unterstützen, dass Betroffene eine Beratung aufsuchen, sind wichtige Dinge, die nahestehende Personen tun können.
Welche Ursachen haben psychische Krankheiten? Gabriele Sachs: Hier wirken viele Faktoren zusammen, genetische und psychosoziale.
Sie formulieren vorsichtig. Gibt es keine eindeutigen Auslöser für psychische Krankheiten? Gabriele Sachs: Eindeutige Auslöser wie etwa eine Entzündung oder ein Hirntumor lassen sich nur sehr selten finden. Traumata, lebensverändernde Ereignisse oder Suchtmittel können psychische Probleme auslösen.
Die Psychiatrie hat eine vorurteilsbeladene Geschichte – Zwangsjacke, geschlossene Anstalt, viele Patienten/wenig Personal. – Wie stellt sich moderne Psychiatrie dar? Gabriele Sachs: Ich komme von der medizinischen Universität Wien. Mir ist wichtig, dass sozialpsychiatrische und biologische Aspekte in der Behandlung von Psychiatrie-Patienten gesehen werden. Wir müssen psychisch kranken Menschen unter den Voraussetzungen humaner Medizin die bestmögliche Behandlung zukommen lassen.
Welchen Stellenwert haben Medikamente in der Behandlung psychisch kranker Menschen? Gabriele Sachs: Wichtig ist die Kombination von Psychotherapie und medikamentöser Behandlung. Das gilt auch bei depressiven Störungen. Grundsätzlich müssen alle Berufe gut zusammenarbeiten – Ärzte, Pflege, Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie. Wie steht es um die Heilungschancen psychischer Krankheiten? Gabriele Sachs: Es gibt sehr günstige und es gibt schwere chronische Verläufe. Aber wir können die Lebensqualität verbessern. Durch gute medikamentöse Einstellung ist zwar nicht in jedem Fall Heilung erreichbar, aber zumindest ein Nachlassen der Symptome.
Hintergrund
Die Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg hat sich stark gewandelt – von der Verwahranstalt zur offenen Psychiatrie. Es ist Vergangenheit, dass Patient/innen mitarbeiteten und die Selbstversorgung des Hauses sicherten, als Fleischer, Bäcker, Schlosser, Gärtner ... .Heute werden jährlich mehr als 30.000 Menschen ambulant und etwa 18.000 stationär behandelt. In der Psychiatrie sind es etwa 10.000, in der Neurochirurgie und Neurologie etwa je 4.000 Patient/innen. Um sie kümmern sich 267 Ärzt/innen und sonstige akademische Mitarbeiter/innen sowie 828 Menschen in Pflegeberufen.