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Grundübel: Habgier

Einen Ausspruch von Jean Ziegler verwendend, schreibt der einstige Bank-Prokurist und Aktivist der Katholischen Arbeiterjugend, Johannes Zittmayr, von „wild wütenden Kapitalmärkten“. Sein Buch „Geld regiert die Welt“ ruft zum Handeln auf!
Ausgabe: 2012/27, Johannes Zittmayr, Geld regiert die Welt, Kapitalismus, Zins, Markus Schlagnitweit, Christoph Leitl, Marktwirtschaft, Geld
03.07.2012
- Ernst Gansinger
© K.-U. Häßler - Fotolia
Es ist eine Abrechnung mit einem global agierenden Casino-Kapitalismus, der in Sekundenbruchteilen Geld ohne Waren-Gegenleistung über den Globus verschiebt. Zittmayr zürnt auch räuberischen Hochseefischern, globalen Baummördern, Waffenproduzenten, die das große Geschäft mit dem Tod machen. Und dann – es ist wie ein Kehrvers im Lied – kommt die Klage: Die Kirchen versagen.   Die Kirche kannte das Zinsverbot. Zittmayrs Hauptaugenmerk gilt dem Zins und welche Wirkung der Geldvermehrung er beim Kreditgeber sowie der Verarmung beim Kreditnehmer er hat. „Es muss den Kirchen als großes Versäumnis und Versagen angerechnet werden, dass sie nicht schon längst offiziell und mit Nachdruck den Zins als Hauptverantwortlichen allen Übels an den Pranger gestellt haben, so wie sie es bis ins 19. Jahrhundert hochoffiziell gemacht haben.“ Ein „mäßiger“ Zins. Dr. Markus Schlagnitweit, Hochschulseelsorger in Linz und Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, ist Experte für Finanzmarkt-Ethik. Zittmayrs Zorn und Alternativen-Denken teilt er im Wesentlichen, die radikale Absage an das Zinssystem nicht in dieser Absolutheit: „Das moderne Zinseszins-System ist natürlich ein Problem. Ich kann mich dennoch dem Reigen der radikalen Zins-Gegner nicht vorbehaltlos anschließen. Der Zins kann auch als Instrument einer sinnvollen Steuerung von Kapitalflüssen betrachtet werden. Es hilft bereits, sich eine Wirtschaft ohne Zins vor- und einige Fragen zu stellen: Welchen Anreiz hätte ein Besitzer flüssigen Kapitals, dieses jemandem zur Verfügung zu stellen, der es benötigt, anstatt es bei sich aufzubewahren oder sinnlos zu verprassen?“ Tatsächlich habe es in der kirchlichen Tradi­tion einen jahrhundertelang währenden Streit über die Erlaubtheit eines „mäßigen“ Zinses gegeben: Gilt das strenge biblische Verbot nur für „Wucher“ (= Abpressen eines Mehrwerts von einem Darlehensnehmer unter Ausnutzung einer Notlage desselben) oder bereits für einen maßvollen Zins? Ablehung der Spekulation. Verständnis für Zittmayrs Zorn zeigt auch der Präsident der Bundeswirtschaftskammer Dr. Christoph Leitl: „Ich selbst bin Vertreter der Realwirtschaft mit allen Betrieben, die dem Menschen Nutzen schaffen, ihnen dienen und dabei schauen, dass alle ihre Existenz sichern und sich die Betriebe weiterentwickeln können. Ich habe höchste Ablehnung gegenüber denen, die glauben, mit Spekulationen rasches Geld zu machen und so unermesslichen Schaden anrichten. Ich kann die Politik von der Kritik nicht ausschließen. Sie darf sich nicht von der Wallstreet und der Londoner Börse am Nasenring ziehen lassen.“ Soziale Marktwirtschaft brauche den freien Wettbewerb innerhalb klarer Regeln. Der Kritik Zittmayrs, dass die von den europäischen Staaten verordneten  Sparmaßnahmen der direkte Weg in die Katastrophe seien, antwortet Leitl mit einem Bekenntnis zur europäischen Zusammenarbeit. „Und ich bin dafür, dass man nicht nur spart und reformiert, sondern auch Wachstums- und Beschäftigungsimpulse setzt.“

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