Mit dem Urteilsspruch verschwinden straffällig gewordene Menschen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Für Gefangenenseelsorger/innen und Sozialarbeiter/innen beginnt jetzt der Alltag. Kaum sonst wo werden Glaubensfragen so brennend erlebt wie im Gefangenenhaus – sagt ein Seelsorger.
5 Jahre Haft für Paulinas Stiefbruder. So stand es am Mittwoch der Vorwoche in den Zeitungen. Dass der „Tatbeteiligte“ am Mord bei der Urteilsverkündung eine zu große Trachtenjacke getragen habe und dass die Preisschilder noch an den Schuhsohlen geklebt wären, erfährt man ebenso. Für solche Details wird sich die Öffentlichkeit nicht mehr interessieren, sobald auch die Berufungsverhandlung beendet, das Urteil gefällt ist, und wenn die Türen der Justizanstalt hinter dem Rücken eines Verurteilten geschlossen sind. Da wird es ihm gehen wie so vielen zuvor – vor allem den zu langjährigen Haftstrafen Verurteilten. Die Einsamkeit, das Ringen um die Schuld wird kommen.
Das erste Gesicht. Mag. Edith Mayrhofer ist Psychotherapeutin. Als Leiterin des Sozialen Dienstes in der Justizanstalt Wels hat sie den Angeklagten am Tag seiner Verurteilung begleitet. Seit 31 Jahren erlebt sie, was in den Menschen, die „eingeliefert“ werden, vorgeht. Oberösterreichs Justizanstalten hat sie in den drei Jahrzehnten gründlich kennengelernt, war Sozialarbeiterin in Garsten, Suben und Linz – und jetzt eben in Wels. Sie und ihre Kollegin führen die Erstgespräche mit den Häftlingen, betreuen sie während der Haftzeit und beim Prozess. Das sind oft so junge Leute, die hereinkommen. „Das ist nicht einfach für diese Menschen.“ Sie hat ein Gespür dafür bekommen, wie es ihnen innerlich geht, wer mit sich kämpft und ringt. Sie würde ihn dann noch einmal zu sich holen. Zu zweit sind sie für diese Aufgabe – bei rund 160 Insassen. „Für mich sind es Menschen“, sagt sie, „die auch ihre Nöte haben.“ Die Sozialarbeiterin ist froh, dass es die Gefangenenseelsorge gibt. „Der Glaube“, sagt sie, „ist eine wichtige Ressource der Veränderung für die Gefangenen.“ Und um Veränderung soll es gehen – zum Guten hin.
Erfolge und Misserfolge. „Sie sind ohne Freiheit, aber nicht ohne Hoffnung.“ So erzählt es Franz Schrittwieser. Gefangenenseelsorge ist nur eine der Aufgaben des Diakons. Erfolgsgeschichten weiß er zu erzählen – und Misserfolgsgeschichten. „Wenn nach jahrelanger Betreuung – auch nach der Haft – einer doch wieder rückfällig wurde – das ist auch für mich ein Rückschlag“, erzählt er. Viele haben niemanden mehr draußen, der zu ihnen hält. Und dann ist wieder einer, der hat noch Verwandtschaft. Die sind auch oft hilflos. Da gilt es zunächst, den Kontakt herzustellen – eine Brücke zu bauen. Wenn es einer geschafft hat, sogar wieder eine eigene Wohnung hat, dann ist es ein Erfolg. Als Seelsorger will Schrittwieser helfen, dass sich die Leute ihren Problemen stellen. „Wer vor seinen Problemen immer davonläuft, dem laufen diese Probleme hinterher und sie holen ihn ein“, weiß der Seelsorger. Gerade bei Personen mit Beziehungs-Straftaten ist das so.
Das Gefängnis – ein Glaubensort. Berührt ist Franz Schrittwieser von der Art, wie sich Gefangene mit dem Glauben auseinandersetzen. „Wann liest du uns wieder die Stelle mit dem verlorenen Sohn vor, die war schon so lange nicht dran?“, fragen sie ihn. Vom „Barmherzigen Vater“ möchten sie hören. Der mit Erbarmen begegnet, wenn einer sein Leben so ziemlich vermasselt hat. Oft geht es um Betrugsgeschichten: Diebstahl, Raub. Wenn einer so viel an Schulden gesammelt hat, dass er meinte, das Loch nur durch eine Riesendummheit stopfen zu können. „Aber die großen Verbrecher, die sind alle draußen“, vermutet der Seelsorger.
Im Auftrag Jesu. Ins Gefängnis geht er „irrsinnig gern“, sagt Schrittwieser. Jesus hat das als vorrangige Aufgabe genannt. Bei den oft tiefen Glaubensgesprächen bekommt er selber viel zurück. „Hier in der Justizanstalt wird oft mehr als im Alltag der Pfarre spürbar, wie es beim Glauben ums Ganze des Lebens geht. Wenn bei jemandem die Hoffnung zurückkehrt, er wieder Zukunft sehen kann, dann ist es gut. Für die Gesellschaft sind sie Außenseiter. Trotzdem haben diese Menschen von der Botschaft Jesus oft mehr verstanden als andere“, sagt Schrittwieser.