75 Prozent der Menschen in Ostdeutschland gehören keiner Kirche an. Die Pastoral-theologin Maria Widl ist seit 2003 an
der Universität Erfurt tätig. Sie beleuchtet die Lage der Christ/innen, die eine Minderheit im Osten Deutschlands bilden.
Ausgabe: 2012/30, Maria Widl, Christen, Ostdeutsche, Minderheitensituation, Glaube, Fachtagung
24.07.2012
- Susanne Huber
Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen als Christin in einer Minderheit zu leben? Maria Widl: Das ist für mich nichts Neues. Ich sage das auch den Studierenden immer gerne, wenn sie mir mit großer Betroffenheit erzählen, wie schwierig es für sie war, die einzige oder der einzige Katholische in der Schulklasse gewesen zu sein. Ich komme aus dem katholischen Österreich, wenn auch aus dem nicht so katholischen Wien. In meiner Schulklasse waren zwar alle getauft, aber ich war trotzdem die Einzige, die in die Kirche gegangen ist. Das heißt, der zentrale Unterschied ist, im sogenannten Westen sind die Ungläubigen getauft und im sogenannten Osten sind die Ungläubigen nicht getauft. Wie stehen die Nichtchrist/innen den Christ/innen im Osten Deutschlands gegenüber? Maria Widl: Im Osten ist es so, dass seit Generationen die Unberührtheit mit Kirche selbstverständlich geworden ist durch die Abfolge von Diktaturen. Gleichzeitig weiß man aber, dass der Mauerfall massiv von den Kirchen verursacht worden ist. Das heißt, man steht den Kirchen eigentlich sehr freundlich gegenüber. Auch unsere Studierenden berichten, dass es für sie völlig normal ist in ihren Freundes- und Bekanntenkreisen danach ausgefragt zu werden, wie denn das so ist mit der Kirche und in der Kirche. Das erlebe auch ich persönlich so. Aber dadurch, dass es hier protestantische Kernlande sind und der Protestantismus weniger kirchenbezogen, sondern sehr viel stärker auf die persönliche Beschäftigung mit den Glaubensfragen ausgerichtet war, ist es so, dass selbst die Leute hier, die sich nicht als Christ/innen verstehen und mit Kirche nichts zu tun haben, erstaunlich viel innerlichen Bezug zu Glaubensthemen und kirchlichen Festen haben. Das zeigt sich für mich zum Beispiel daran, dass einem hier kein schönes Wochenende, sondern ein schöner Sonntag gewünscht wird. Auf der anderen Seite sollte man nicht unterschätzen, dass in Ostdeutschland natürlich die Säkularität ganz massiv ist.
Wie viele Christ/innen leben in Ostdeutschland? Maria Widl: Das ist sehr unterschiedlich nach Bundesländern und nach Regionen. In Thüringen gibt es beispielsweise die Region Eichsfeld und die Stadt Erfurt, die katholisch geprägt sind. Beide Gebiete gehörten über viele Jahrhunderte zu Kurmainz, einem Territorium, das von Kurfürsten und Erzbischöfen von Mainz verwaltet wurde. Aus dieser Zeit hat sich dort eine relativ starke katholische Tradition bewahrt. Und es gibt die Diaspora, wo nur verstreut kleine christliche Gemeinden sind mit größtenteils alten Leuten, weil die jungen Menschen abwandern. Man kann sagen, von den insgesamt 2,22 Millionen Einwohnern Thüringens sind acht Prozent katholische und 16 Prozent evangelische Christ/innen, das heißt, ungefähr 25 Prozent der Menschen in Thüringen sind getauft.
Wie gelingt es in einer Minderheitensituation Menschen neu für den christlichen Glauben zu gewinnen? Maria Widl: Hier im Osten ist Kirche dörflich organisiert. Der Glaube wird innerhalb der Familie weitergegeben. Wegen des Mangels an Arbeit wandern viele junge Leute ab. Deshalb ist es grundsätzlich schwierig, Nachwuchs zu gewinnen. Selbstverständlich gibt es immer wieder Erwachsenentaufen. Leute, die neu dazukommen, sind zu einem Teil solche, die anheiraten; zu einem gewissen Teil sind es welche, die über evangelikale Gruppen durch das charismatische Element angesprochen werden und sich richtig neu überzeugen lassen; und zu einem kleinen Teil sind es Leute, die über die diakonische Schiene neu dazukommen – die zum Beispiel von schweren Schicksalsschlägen betroffen sind und die mit großem Erstaunen feststellen, dass es Christ/innen sind, die ihnen weiterhelfen. Und dann gibt es sehr viele Sympathisanten, die sich im Umkreis des Kirchlichen bewegen, die regelmäßig an Erwachsenenbildungsveranstaltungen teilnehmen, die zu unseren Vorträgen kommen, die ihre Kinder zur Lebenswendefeier schicken usw. Doch diese Sympathisanten sind nicht auf der Suche und nicht ernsthaft daran interessiert zu konvertieren und sich taufen zu lassen.
Sie haben die Lebenswendefeier erwähnt – welche Projekte bietet die Kirche an? Maria Widl: Es gibt immer wieder Einzelinitiativen mit guten Ideen, die sich entwickeln und an manchen Orten kopiert werden. Diese Angebote richten sich an Christ/innen und auch Nichtchrist/innen. Dazu zählen die genialen pastoralliturgischen Projekte von Reinhard Hauke, dem Weihbischof des Bistums Erfurt. Er hat zum Beispiel die Lebenswendefeier im Erfurter Dom 1998 für konfessionslose Jugendliche ins Leben gerufen. Diese „Feier der Lebenswende“ ist das, was für Christ/innen die Firmung bzw. Konfirmation ist. Ein anderes Beispiel ist der Ökumenische Segnungsgottesdienst für Liebende am Valentinstag, zu dem Paare, ob verheiratet oder nicht, ob christlich oder nicht, eingeladen werden. Sie selbst haben vor sieben Jahren ein Weihnachtsmarktprojekt gestartet. Was war die Idee dahinter? Maria Widl: „Folge dem Stern“ – so heißt das Projekt. Die Grundidee war, in Zusammenhang mit dem wunderschönen, großen Weihnachtsmarkt in Erfurt zu zeigen, dass wir als Christ/innen zu dieser Zeit nicht Weihnachten, sondern Advent feiern und was im christlichen Sinn Advent und Weihnachten bedeuten. In den Kirchen, die an den Weihnachtsmarkt angrenzen, gibt es dazu Stille- und Musikprojekte, Bildbetrachtungen und kurze Texte. Wir haben auch ein Krippenprojekt, in dem die Weihnachtsgeschichte erläutert und näher gebracht wird. Eine andere Initiative ist das Adventsegensprojekt, bei dem Leute eingeladen werden, sich segnen zu lassen. Das sind Angebote, die für Passant/innen gemacht sind, die im Vorübergehen zufällig darauf stoßen. Von den Leuten werden sie sehr gut angenommen – auch von jenen, die nichts mit Kirche zu tun haben, aber die der Kirche nicht feindlich gesinnt sind, und das sind die meisten. Die bleiben interessiert stehen, hören sich ein bisschen etwas an und man merkt dann, dass die Seele ruhiger, die Augen größer und die Ohren länger werden.
Was sind die größten Herausforderungen an Orten wo Religions- und Konfessionslosigkeit herrschen? Maria Widl: Wo Kirche massiv in der Minderheit ist, rückt sie gerne enger zusammen und organisiert sich dörflich. Die Herausforderung ist, von der geschlossenen Dorflogik wegzukommen, weil sie nicht missionarisch sein kann. Meine Grundbeobachtung ist, dass wir uns durch die säkulare, nichtkirchliche Kultur von der Volkskirche, von der dörflichen Kirche verabschieden und eine städtische Kirche in den Blick nehmen müssen. Die Vorstellung, man braucht als Kirche nicht missionarisch zu sein, weil sich das Christentum vererbt und durch den Familiennachwuchs weitergegeben wird, funktioniert heute nicht mehr. Weiters haben wir kein Monopol mehr auf Religion. Wir können nicht so tun, als ob wir die Einzigen wären, die etwas zum Thema Glaube, Religion, Kirche oder Spiritualität zu sagen haben. Da sind wir in Konkurrenz mit anderen religiösen Angeboten und werden verglichen. Ein dritter Punkt ist, dass Christ/in- Sein als Konvention nicht mehr funktioniert, weil Christ/in-Sein gleichgesetzt wird mit dem, was sich gesellschaftlich gehört. Aber das ist bei weitem nicht mehr nur christlich. Das heißt, wir müssen argumentieren können, was es für einen Unterschied macht, ob man Christ/in ist oder nicht. Es braucht verschiedene Profile, an denen man uns als Christ/innen erkennt. Aber das ist ein konfliktbeladenes Thema. Wir haben unter uns noch nicht die Freude daran entwickelt, dass andere Mitchristinnen und -christen anders sind und sie gerade deswegen gut sind. Wir sind in einer Umbruchsituation, was die Gestalt von Kirche insgesamt betrifft. Das ist auch ein Grund für die vielen Kirchenkonflikte. Und wo es eine Umbruchsituation gibt, muss man sich immer auf die Wurzeln zurückbesinnen und Kirche von den Wurzeln her neu entwickeln, die kirchliche Tradition theologisch wieder neu denken und weiterdenken. Da haben wir momentan ziemliche Rückstände.