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Eine Taxifahrt ins Dunkle

Taxifahrer Khaled bringt an Wochenendnächten Jugendliche in die Disco und zurück. Eine Nachtgeschichte aus dem Taxi über Verliebte, Zechpreller, Spendable, Partytiger und Versöhnte.
Ausgabe: 2012/31, Taxifahrer, Khaled, Disco, Zusatzservice, Trinkgeld
31.07.2012
- Gerald Gossmann
Wenn Taxifahrer Khaled am frühen Abend sein Taxi startet, weiß er mittlerweile, was auf ihn zukommt. In der Schwüle des Sommers feiert Burgenlands Jugend die schulfreie Zeit. Khaled begleitet sie dabei. Indirekt. 90 Prozent seiner Fahrgäste an Wochenendnächten sind jugendlich, für die Khaled den Papa spielt, damit der Papa am Wochenende ausschlafen kann. Bis sieben Uhr morgens chauffiert er seine Fahrgäste von zu Hause in die Disco und zurück. Khaled kennt seine Fahrgäste mittlerweile, die Nacht ist berechenbar geworden. Er bleibt stehen, wenn ein Gast zu viel getrunken hat und um ein erleichterndes Austreten bittet, und er fährt zügig, wenn die Ausgehfrist der Eltern überschritten wurde. Khaled unterscheidet mittlerweile zwei Arten von Fahrgästen: Stammkunden, denen er vertraut, oder Fremde, die ihn vorsichtig werden lassen. Wenn eine Burschenpartie einsteigt, vom Trubel der Nacht kommend und mit reichlich Übermut ausgestattet, wird er generell vorsichtig. Immer wieder passiert es, dass die Nachtschwärmer zu Zechprellern mutieren. Khaled kennt alle Tricks. Der beliebteste: Die Jugendlichen hüpfen aus dem Taxi und lassen die Autotüren offen. Khaled muss dann hinterher – den jugendlichen Zechprellern und seinem Lohn, seiner Existenzgrundlage. Zu viele Ausfälle in einer Nacht kann er sich nicht leisten. „Unter der Woche gibt es kein großes Geld zu verdienen“, sagt er. „Das große Geschäft gibt es in den Nächten am Wochenende.“ Dann warten Auswärtsfahrten rund um Eisenstadt, die Geld bringen. Neunzig Prozent der Zechpreller hat Khaled erwischt. Heute setzt er daher eher auf Stammkunden.

Von Verliebten und Beziehungskrisen. Khaled kommt ursprünglich aus Tunesien, in Österreich hat er mit dem Taxifahren begonnen. Khaled ist höflich, gesprächig und witzig. Das kommt ihm in der Nacht zugute. „Die Leute sind angeheitert und suchen das Gespräch.“ Ist ein Stammkunde traurig, erzählt Khaled Witze oder findet tröstende Worte. „Aber die Fahrgäste schauen auch auf mich und merken, wenn es mir nicht gut geht“, erzählt er. Lange werden Nächte nur dann, wenn zu viele Fahrgäste neben ihm schlafen. „Das Gespräch ist mir lieber,
dann bleibe ich munter. Das erfrischt meine Seele.“
In besonders langen Nächten hat er Liebespaare schon zusammenkommen sehen und auch Trennungen erlebt. „Wenn ein Fahrgast zusteigt, hole ich oft noch einen anderen Kunden ab. Einmal war ein Junge bei mir im Auto, und ein Mädchen ist zugestiegen. Die haben zu plaudern begonnen und sich so gut verstanden, dass sie Nummern ausgetauscht haben.“ Öfter passiert, dass weinende Mädchen ins Auto kommen. Um fünf oder sechs Uhr in der Früh, wenn die Sonne bereits ihre ersten Lebenszeichen von sich gibt. Hinterhertrottend und um Deeskalation bemüht der Freund, der in der Disco zufällig auffällig der anderen Blondine hinterhergeschaut, zu tief ins Glas geblickt oder die falschen Worte zur falschen Zeit gewählt hat. Khaled erlebt dann Beziehungskrisen hautnah und versucht zu schlichten. „Jeder Mensch macht Fehler“, sagt Khaled in so einer Situation. Oder: „Gib ihm eine Chance, er ist jung und muss noch lernen.“ Oft kennt Khaled die streitenden Paare und umgekehrt. Dann klappt das Vermitteln besser. „Wenn ich weiß, dass die beiden wirklich gut zusammenpassen, bemühe ich mich mehr, dass die beiden wieder zusammenkommen.“

Zusatzservice. Die Nacht unterscheidet sich eben vom Tag, weiß Khaled, weil der Unterschied für ihn als Taxifahrer besonders auffällig in Erscheinung tritt. Seriöse Geschäftsmänner verwandeln sich in laute Partytiger und frisch gestriegelte Einser-Schülerinnen in lallende und lippenstiftverschmierte Sicherheitsrisiken. Meist für sich selbst. Khaled bringt seine Stammgäste aber bis zur Tür, wenn das Gehen schwerfällt.

20 Euro Trinkgeld. Wenn Khaled sonntags um acht Uhr morgens nach Hause kommt, hängt sein Müdigkeitsgrad vom Schwierigkeitsgrad der Nacht ab. Und von der Gewissheit, dass nichts gewiss ist. Letztens musste er wieder einen Zechpreller verfolgen. Keinen Jugendlichen. Ein älterer Herr ergriff die Flucht. Und: Nicht jede feiernde Burschenpartie stellt eine Gefahr dar. Khaled kann sich erinnern, dass ein Jugendlicher die Fahrt für alle Fahrgäste bezahlte und noch 20 Euro Trinkgeld für ihn draufpackte. So etwas sieht er als Aufwandsentschädigung für Nächte, die zwar berechenbar geworden scheinen, ihre Unberechenbarkeit aber nie abgelegt haben.
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